Martin Krusche: Lampenputzerei (Vom Aufstand im Sitzen und von einigen Lichtblicken) Zurück
Schauen wir ’mal, dann seh’n wir schon. So geht das. In Hauspatschen. Im Schaukelstuhl.
Autor Erich Mühsam: „Dann ist er zuhaus geblieben / Und hat dort ein Buch geschrieben: Nämlich, wie man revoluzzt…
Der Autor Erich Mühsam wurde seinerzeit in „Schutzhaft“ von SS-Leuten ermordet. Von ihm stammt ein Chanson (1907), das ich vor vielen Jahren vermutlich durch die oststeirische Gruppe „Zeus“ kennengelernt habe. Da heißt es:
„War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.
Schon in der zweiten Strophe zeigt uns Mühsam den Lampenputzer als einen Mann, der sich an der Idee eigener Gefährlichkeit für was auch immer berauscht:
Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.
© WikipediA
Revolution in Hauspatschen
Warum mir das durch den Kopf geht? Im vorigen Jahr, also 2011, wurde in Graz eine „Revolution in Hauspatschen“ gestartet, die es zwar in den Geschichtsbüchern nicht einmal zu einer Fußnote bringen wird, aber doch momentan einige Gemüter bewegt. So auch meines. Das sind Perspektiven, denen wir uns gewachsen fühlen. Dieses Momentane. Was hinter dem nächsten Horizont liegt, kommt ohnehin von selbst auf uns zu. Schauen wir ’mal, dann seh’n wir schon. So geht das. In Hauspatschen. Im Schaukelstuhl.
Zugegeben, ich polemisiere. Was war geschehen? Empörung. Aufstand. Widerstand. Revolte. Kulturkampf. Auf die Barrikaden gehen. Die Steiermark, nein, Graz, nein, was eigentlich? Also doch Graz, aber auch ein bisserl Steiermark. Genauer: Kulturschaffende und Leute aus dem Sozialbereich haben für ein paar markige Headlines gesorgt.
Kunst und Soziales
Und weiter? Nichts weiter. Wenn ich davon absehe, dass es etwa im Sozialbereich schon vorher allerhand Menschen gab, die aus sachkundiger Arbeit auch klare Vorstellungen über ihre Arbeitsbedingungen ableiten und formulieren konnten. Natürlich sind auch auf dem Kunstfeld versierte Kräfte zu finden, die etwa der Politik klar auszurichten verstehen, wovon die Profession handelt und welche Bedingungen dafür zu verhandeln sind.
Ich greife zwei Beispiele heraus. In einer „Erklärung von Gleisdorf“ zum Thema "Gehalt statt Taschengeld" habe ich auch als Branchen-Laie die Chance, mich an gegenwärtigen Frage- und Themenstellungen orientieren zu können. Das Papier basiert auf eine Fachkonferenz vom Sommer letzten Jahres.
Das andere Beispiel betrifft den Bereich Kunst. Die laufende Renovierung des Grazer Künstlerhauses war der Anlass, dass Kunstschaffende die Politik wissen ließen, es sollte eventuell eine inhaltliche Neuausrichtung des Hauses geschafft werden. In diesem Zusammenhang gab es bisher ein Portiönchen Aktionismus, aber schließlich auch ein sehr anregendes Arbeitspapier "Zur Lage der bildenden Kunst in Graz"
Ich sehe also eine merkwürdige Verteilung von Optionen. Es wird kaum überraschen, dass ich selbst jene Position vorziehe, die von einem kritischen Diskurs ausgeht, darüber zu stichhaltigen Befunden gelangt, die a) nach außen kommuniziert und b) in Verhandlungen wie Konfrontationen vertreten werden können.
Wehklagen oder Klage einreichen?
Chance B-Repräsentant Franz Wolfmayr (Foto: Martin Krusche)
Das hat etwa im Fall der Gleisdorfer „Chance B“ dazu geführt, dass diese Einrichtung das Land Steiermark geklagt hat, weil nach einigen Vorfällen festzustellen war: „In der Folge wurden den Trägern neue Leistungsverträge angeboten, die keinen kostendeckenden Leistungspreis sowie zahlreiche Rechts- und Sittenwidrigkeiten beinhalten.“ [link]
Im Falle der Kunstpraxis und -vermittlung kam es nach der genannten Streitschrift mit der Erörterung der Lage der bildenden Kunst in Graz zu einer Artikelreihe in der „Krone“. Das ist seit langer Zeit wieder einmal ein konzentrierter Input zur Sache und könnte Anlass für eine landesweite Debatte darüber sein, was der Stand der Gegenwartskunst und ihrer Bedingungen sei.
Wie erstaunlich, dass dieser Impuls ausgerechnet vom Boulevard kommt. In Medien der „Szene“ war derlei bisher eher nicht zu finden. Michaela Reichart und Martin Grasser drückten das für die „Krone“ so aus: „Weil eine Zeitung auch ein Forum für Diskussionen und Gedankenaustausch sein sollte, haben wir handelnde Personen um Gastkommentare gebeten, die in den kommenden Tagen und Wochen erscheinen werden.“
Kunstdiskurs, überfällig!
Camera Austria-Kurator Reinhard Braun (Foto: Martin Krusche)
Kurator Reinhard Braun („Camera Austria“) fasste in seinem „Krone“-Gastkommentar folgendes zusammen: „Wenn aber Kulturpolitik zu einem Gutteil an den Markt delegiert wird, gibt es nicht bloß ein paar Ausstellungen weniger, sie entledigt sich vielmehr dessen, was das eigentlich Politische daran sein könnte: einen gesellschaftlichen Raum zu ermöglichen, in dem sich etwas ereignen kann, das sich ihrem Zugriff, dem Zugriff der Meinungsumfragen und des Marktes entzieht, wo andere „Bilder“ unserer Gegenwart gezeigt werden können, auch solche, die irritieren und die wiederum die Politik selbst in Frage stellen.“
Braun berührt damit Zusammenhänge, die uns nicht bloß im Kunstkontext betreffen. Wo also engagierte Leute sich mit Fragen der Bedingungen der Kunst befassen, handelt das ja zwangsläufig auch von Fragen nach der Verfassung dieser Gesellschaft. In diesem kritischen Zugang sollten wir eigentlich Millionen Verbündete haben. Die Praxis zeigt sich aber etwas anders.
Primat der Tat?
Ich habe diese Zwischenüberschrift „Primat der Tat?“ sehr bewusst mit einem Fragezeichen versehen. Handlungsorientiertheit ist bei anstehenden Problemen sicher unverzichtbar. Doch die Idee, das Tun über das Denken zu stellen, war eines der Fundamente des historischen Faschismus. Da will also heute geklärt werden, welches Tun sich, gestützt worauf, auf den Straßen entfalten soll.
Unlängst las ich in einer lebhaften Korrespondenz: „Wie gesagt: Weniger Quatschn, mehr tun!“ Jemand bekräftigte: „Is auch meine Meinung!!!“ Ich fragte: „und was würdest du in der sache gerne KONKRET tun?“ Schweigen. Und Schweigen. Und Schweigen…
Später ging es noch einmal in diese Gasse. Was da in Graz teilweise an avancierter Ratlosigkeit herrscht, drückt eine E-Mail-Passage aus, die dem Schreiben eines jungen Künstlers entstammt, der mir in einer Debatte um das Grazer Künstlerhaus Kontra gab: „Wie gesagt weniger quatschn und mehr tun. Was zu tun ist kann ich Dir auch nicht sagen. Ich denke da stehst Du am gleichen Punkt wie wir. Und anstatt zu kritisieren, kann man sich ja was einfallen lassen, was zu tun wäre. (Das gleiche tun wir nämlich auch)“
Es gehört zu den Kuriositäten dieser „Revolution in Hauspatschen“, anderen Leuten die eigene Ratlosigkeit („Ich denke da stehst Du am gleichen Punkt wie wir.“) für alle Fälle gleich pauschal zuzuschreiben. Wir sitzen ja alle im selben Boot. Tun wir das? Keinesfalls!
Paradigmenwechsel?
Der Sprecher und die Sprecherin der Plattform 25, Yvonne Seidler und Gerhard Zückert
Hat hier ein Paradigmenwechsel stattgefunden? Ich meine mich zu erinnern, dass einst junge Rotzlöffel sich ihre Ärmel aufstrickten, um den alten Deppen ihre eigene Sicht der Dinge auf die Zehen zu wuchten. Wenn heute ein Youngster mir altem Deppen ausrichtet: „Du bist doch sicher genauso ratlos wie ich“, dann beginne ich mir um die Jungen ernsthaft Sorgen zu machen.
Die „Revolution in Hauspatschen“ hat Mitte 2011 Sommerferien gemacht. Bis dann alle aus dem Urlaub zurück waren, hatten wir Advent. Damit standen die Weihnachtsferien bevor. Dafür ging sich etwa bei der „Plattform 25“ am 22.12.2011 gerade noch ein geharnischter „Offener Brief an LH Voves und LH-Stv Schützenhöfer“ aus.
„Wir rufen Sie daher auf, […] Mit freundlichen Grüßen,…“ Die machen mich wirklich fertig! Diese Härte und Präzision. Und überdies: „hier gibts die hübschen picbadges :-)„
Gut, ich sollte nicht meckern. Ein Status quo ist ein Status quo. In einer Demokratie darf man auch ein Lampenputzer sein. Und es steht uns allen, mir ganz speziell, jederzeit frei, es besser zu machen… Übrigens! Kann hier jemand noch auf gute alte Art Wollsocken stricken? Ich krieg hier im Schaukelstuhl langsam kalte Füße, obwohl ich hinterm Ofen sitze.
© Martin Krusche, Jahrgang 1956, freischaffender Künstler, Exponent von „kunst ost“
Weitere Beiträge von Martin Krusche zum diesem Thema und zu anderen Themen sind hier.
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