Begriffskonfusionen? (Debatten um das Grazer Künstlerhaus) von Martin KruscheZurück
Es sollen einige Konzepte bei Kulturlandesrat Christian Buchmann eingelangt sein, die sind momentan noch nicht im öffentlichen Diskurs aufgetaucht.
Was ist Kunst? Oder besser: Wann ist Kunst?
Und wie soll das laufen? Meine eigene Orientierung in Fragen der Kunst ist eher romantischer Art: Mach dein Ding, geh raus und setz dich durch; oder verachte die Welt für ihre Ignoranz, aber mach dein Ding. Die in meinem Milieu durchaus populäre Vorstellung, andere würden einen verhindern, halte ich für lächerlich.
Dazu kommt, wenn wir keine Klarheit über Begriffe haben, wissen wir nicht, worüber wir reden. Dann können wir nicht einmal streiten. Oder aber, es bleibt nur der Streit, dem die Inhalte verloren gehen. Nun stehen neue Ideen zur Nutzung des Grazer Künstlerhauses, das eben wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist, zur Debatte.
Das Grazer Künstlerhaus weckt vielfältige Begehrlichkeiten. Das schafft einen guten Anlass, den Kunstdiskurs wieder etwas in Schwung zu bringen. (Foto: Martin Krusche)
Wenn die Kosten der Sanierung einer Hütte über eine Million Euro hinausgehen werden, wenn ferner der laufende Betrieb für fette Running Costs sorgen wird, ist nicht damit zu rechnen, dass eine Plauderei oder ein bissl Polemik die Funktionstragenden der Politik bewegen könnten, einem diese Hütte zu überlassen.
Hinzu kommt, dass die letzten zwei Jahrzehnte uns gezeigt haben: Risikobereitschaft steht weder in der Politik, noch in der Verwaltung hoch im Kurs. Daraus schließe ich, wer über das Grazer Künstlerhaus verfügen möchte, wird sehr gute Gründe nennen müssen. Dazu wird es außerdem einer plausiblen Darstellung bedürfen, dass Kompetenzen für eine professionelle Abwicklung des Betriebs vorhanden sind.
Würde ich also selbst diese Hütte zur Verfügung haben wollen, schiene mir ein Einstieg in öffentliche Diskurse unerlässlich; und zwar wenigstens mit einem möglichst bestechenden Mission Statement. Tenor: Warum man mir die Hütte übergeben soll! Fußnote: Eine außergewöhnliche Investition im Landeszentrum muss eventuell auch dahingehend debattiert werden, welche Relevanz sie für das ganze Bundesland haben mag.
Was können wir derzeit inhaltlich von einschlägigen Prätendentinnen und Prätendenten erfahren? Etwas. Wenig. Nichts.
Kein Mission Statement auf den Websites der alteingesessenen Formationen.
- Steiermärkischer Kunstverein Werkbund
- Vereinigung Bildender Künstler Steiermark
- Grazer Secession
- Künstlerbund
- Berufsvereinigung Bildender Künstler
Von einer mutmaßlich temporären Arbeitsgemeinschaft Kulturschaffender kursiert immerhin ein anregendes kulturpolitisches Arbeitspapier zur Sache, das man zum Beispiel hier nachlesen kann.
Es sollen einige Konzepte zur Sache bei Kulturlandesrat Christian Buchmann eingelangt sein, die sind momentan noch nicht im öffentlichen Diskurs aufgetaucht. Wir wissen also noch wenig über den Stand der Ansprüche, Ideen und Optionen.
Gibt es „steirische Kunst“? Aber ja! Eher nicht!
Wer sich intensiv mit Kunst befasst, weiß natürlich, dass Gleichzeitigkeit und Widerspruch keineswegs bedeuten, man müsse sie, die Widersprüche, bloß eliminieren, um zu Klarheiten zu gelangen. Ein relevanter kulturpolitischer Diskurs verlangt wahrscheinlich sogar, auch genau im aufrecht Widersprüchlichen Klarheiten zu suchen.
Philosoph Erwin Fiala hält die Herkunft von Menschen in Bereichen des Kunstdiskurses für irrelevant. Was wäre demnach „steirische Kunst“? (Foto: Martin Krusche)
Vor einigen Jahren, als ich in einem Team mit Philosoph Erwin Fiala an einem regionalen Kulturprojekt gearbeitet habe, vertrat er dabei strikt die Auffassung, dass Herkunft in Fragen der Kunst, die uns beschäftigten, keine Rolle spielen dürfe. Mir gefiel diese Position sehr gut.
Habe ich dann etwa mit Kunstschaffenden aus Bosnien oder Serbien zu tun, erlebe ich, dass diese Leute aus einem ganz anderen Lebenszusammenhang kommen, was sich ja auf ihr Werk auswirken muss. (Doch ich habe angesichts ihrer Werke noch nie den Eindruck gehabt, dies sei nun „bosnische“ oder „serbische“ Kunst.) Daher vermute ich, dass die Vorstellung einer „steirischen Kunst“ eher mit einem individuellen Orientierungssystem zu tun hat, auch mit einem bestimmten Bereich des Kunstdiskurses; jenem der „Regel der Kunst“. Apropos Kunstdiskurs! Der will in aktuellen Fragen zur weiteren Verwendung des Grazer Künstlerhauses noch nicht so recht in Erscheinung treten.
In den Medien lese ich von Zwist, von Kampf, von der Notwendigkeit, das Haus zu „retten“. Das ist kräftige Wortwahl. Ist sie angemessen? Vor allem aber: Das sind keine Kategorien der Kunst. Der ORF kolportierte am 4. November 2011 folgende Überlegung von Künstlerin Barbara Edlinger-Bau: „Wir denken, dass die Zeit dafür reif ist, ein neues Modell zu entwickeln, wir wollen auch weggehen von dem Modell der Vereine. Es geht um alle Mitglieder aller Vereine, es sollte allen offenstehen.“
Alter ist kein Verdienst, sondern eine Erscheinung
Dieser Idee können ganz offensichtlich die gemeinten (fünf) Vereine nichts abgewinnen; nämlich der Steiermärkische Kunstverein Werkbund, die Vereinigung Bildender Künstler Steiermark, die Grazer Secession, der Künstlerbund und die Berufsvereinigung Bildender Künstler. Dort wird überdies gerne mit dem langen Bestehen argumentiert, was allerdings in Fragen der Gegenwartskunst keine relevante Kategorie ist.
In den Medien wird überdies kolportiert, die genannten Vereine würden rund 400 Mitglieder repräsentieren. Was haben wir also nun an möglichen Kriterien auf dem Tisch? Zum Beispiel lange Dauer, breite Basis, Repräsentation, künstlerische Relevanz. Es erheben alteingesessene Formationen Anspruch auf das Haus. Es sind neue Ansprüche laut geworden. Die kommen teils aus dem, was sich seit Ende der 1970er-Jahre als „freie“ oder „autonome“ Initiativenszene etabliert hat. Die kommen auch aus einigen individuellen Positionen einzelner Personen der Kunstvermittlung.
Eine wesentliche Unterscheidung fehlt mir da wie dort, bei den „alten“ Verbänden ebenso wie bei der jüngeren „Initiativenszene“. Nämlich die Unterscheidung zwischen konsequenter Arbeit im Sinne der Gegenwartskunst und zwischen den „Voluntary Arts“. Der zweite Begriff, Voluntary Arts, ist bei uns nicht gebräuchlich. Ich hab ihn selbst erst vor einigen Jahren in Belfast kennengelernt. In österreichischer Umgangssprache haben wir dafür den Ausdruck „Hobbykunst“. Eine Zuschreibung, die aber meist von jenen, welche damit gemeint sind, heftig abgewehrt werden.
Derlei „kreatives Werken“ unter Anwendung diverser künstlerischer Techniken ist keinesfalls nur die Domäne kleinbürgerlicher Milieus. Auch in der „Szene“ finde ich genug von dem, was einem aktuellen Kunstdiskurs nicht standhalten würde, was bestenfalls auf ambitionierte Bastelarbeit hinausläuft. Aber wir haben offenbar gute Gründe, die Unterscheidung von Äpfeln und Birnen zu meiden, obwohl Obst einfach Obst ist und keine Obstsorte über die andere erhoben werden müsste. Also bräuchten auch nicht Birnen als Äpfel ausgegeben werden, vice versa.
Die soziale Lage Kunstschaffender in Österreich
Woran liegt es nun, dass sich dieser Obstsalat auch ohne Kühlung hält, ja eigentlich in Hitze am besten gedeiht? Ganz einfach: Sozialprestige und Geld. Halt! Ist nicht die soziale Lage Kunstschaffender in Österreich generell am Rande eines Desasters? Das belegt nämlich auch eine Studie, die seit Jahren im Schreibtisch der zuständigen Ministerin verrottet. Also warum diese Unschärfe mit scharfen Frontstellungen?
Tja, Sozialprestige und Geld. Wo diese Wohltaten knapp sind, fallen eben Auseinandersetzung darüber umso härter aus; oder werden unter den Teppich geschafft, um eine Scheinharmonie vorzugaukeln:
Ist eh alles Kultur und daher wichtig, also sind auch wir alle wichtig.
Dem Kunstsammler Erich Wolf fliegen im Grazer Kunstbetrieb die Hackeln zu tief. Fußnote: Wolf erhält heuer den „Maecenas“. (Foto: Martin Krusche)
Kürzlich sprach ich mit dem Kunstsammler Erich Wolf über diese Geschichte. Seine Leidenschaft führte dazu, dass er speziell Gegenwartskunst aus der Steiermark sammelt, Ensembles aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Wolf ist jemand, der nicht „das eine gute Bild“ sucht, sondern zusammenhängende Gruppen von Arbeiten, Skizzen etc., die den Ausschnitt eines Prozesses abbilden.
Der Mann hat also eine sehr konkrete Vorstellung von „steirischer Gegenwartskunst“. Er beachtet auch, was in Graz läuft. Ich kann unser privates Gespräch hier nicht ausbreiten, weil es eben privat war. Aber eine Essenz davon darf ich wohl zusammenfassen. Wolf meint, im Grazer Kunstbetrieb würden die Hackeln tief fliegen und man könne nie sagen, von wo eines daherkommen werde. Er findet das Künstlerhaus sehr interessant, würde es aber aus genannten Gründen vermeiden, sich dort zu engagieren.
Es gibt, neben den schon erwähnten Einzelpersonen und der quasi Landesposition, zwei große Lager, eigentlich: Felder, die sich beschreiben lassen und die Ansprüche auf die weitere Nutzung des Künstlerhauses geäußert haben. Die fünf Verbände und die Initiativenszene. Wäre als Extraposition noch das Grazer Stadtmuseum zu nennen. dass Joanneum-Boss Peter Pakesch die Hütte auch zu nutzen wüsste, setze ich als evident voraus.
In beiden Lagern wird angeprangert, was man offenbar dem jeweils andere zutraut: „selbsternannte kulturelle Eliten, Geschmacksmonopol, Seilschaften und Lobbyismus“. In einer Korrespondenz, die INFOGRAZ.at-Herausgeber Heinz Rüdisser anlässlich meines vorigen Beitrages zum Thema mit dem Künstler Richard Kriesche führte, erwies sich Kriesches Einschätzung der laufenden Debatte als vernichtend.
Künstler Richard Kriesche zum Stand der Debatte: „für placebos zur verfügung zu stehen ist meine sache nicht, erst recht nicht ihre produktion zu befördern“ (Foto: Martin Krusche)
Kriesche: „was ihre freundliche einladung zu einer stellungnahme für das 'künstlerhaus' betrifft, so darf ich ihre aussage dazu aus ihrer letzten mail wiederholen, die sie als eine ‚obskure diskussion’ beschrieben haben. damit drücken sie aus, was mich hindert einen beitrag leisten zu wollen. und ich will und werde mich so lange nicht beteiligen, solange nicht eine dezitierte, verpflichtende willenskundgebung von seiten der kulturpolitik vorliegt, eingebunden in einen ‚kulturpolitischen strategie- und entwicklungsplan’. für placebos zur verfügung zu stehen ist meine sache nicht, erst recht nicht ihre produktion zu befördern.“
© Martin Krusche, Jahrgang 1956, freischaffender Künstler, Exponent von „kunst ost“
Der erste Beitrag auf INFOGRAZ.at von Martin Krusche zum Thema Künstlerhaus findet sich übrigens hier und eine Stellungnahme von Landesrat Dr. Christian Buchmann hier.
![]() Selbsternannte Kunstelite? Na klar! Bin ich auch. Was sollte es denn sonst geben? Oder haben wir neuerdings einen Kunst-Vatikan, der diesbezüglich in den Adelsstand erhebt? (Foto: Martin Krusche) |
