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Kampfstimmung? (Begehrlichkeiten um das Grazer Künstlerhaus) von Martin Krusche

Grazer Künstlerhaus: Seit der Eröffnung ist es ein attraktiver Veranstaltungsort, daher Gegenstand höchst unterschiedlicher Begehrlichkeiten!

Wollte man Flachware zeigen, bliebe im Grazer Kunsthaus die Suche nach ausreichend geraden Wänden ein wenig frustrierend. Aber da Stellwände schon längst erfunden sind, diese Ururenkel der Paravents sich als vielseitig einsetzbar erweisen, hängt dort, am anderen Murufer, eben allerhand vom kuratorischen Geschick ab. Lösungen sind möglich.

Ganz anders die Situation „herüben“, im Grazer Künstlerhaus. Seit seiner Eröffnung im Jahr 1952 hat es sich nicht bloß als Ereignisraum und Präsentationsfläche für Gegenwartskunst auf vielfache Art bewährt, es ist auch ein attraktiv gelegener Veranstaltungsort, daher laufend der Gegenstand höchst unterschiedlicher Begehrlichkeiten. Neuerdings heißt es jedoch:

„Ab 17. Jänner 2011 vorübergehend wegen Umbauarbeiten geschlossen!“

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Das Grazer Künstlerhaus soll gerade der Gegenstand eines Kampfes zu sein. Momentan lässt sich noch nicht einmal eine heftige Debatte von einiger Dauer feststellen. (Foto: Martin Krusche)

Es gibt schon länger erfrischende Unruhe. Am 11. Februar 2009 versah der Grazer Gemeinderat Martin Titz eine Anfrage mit dem Betreff „Rauswurf der Grazer Kunstvereine aus dem Künstlerhaus“. Das Dokument beginnt feurig: „Die Grazer Künstlerschaft musste vergangene Woche aus dem Mund des Landeskulturreferenten vernehmen, dass es jetzt soweit ist: Es ist jetzt kein Platz mehr für sie, die Grazer Künstler. Sie müssen gehen. Raus mit den Grazer Künstlern aus dem Grazer Künstlerhaus!

Das verweist auf einer jener Positionen, die aktuell offenbar auch Gegenpositionen finden. Titz: „Die fünf Grazer Kunstvereine sind und waren im Unterschied zu so manch anderer kulturpolitischen Eintagsfliege stets ein Schutzmantel für kritische Geister und für die künstlerische Selbstverwaltung.“

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Das Künstlerhaus als Baustelle? Auf jeden Fall vor jeder Ausstellung. Und neuerdings zur Sanierung. (Foto: Martin Krusche)

Titz präzisiert, wer das ist, der hier kritischen Geistern eine Heimat bietet: „Diese fünf Vereine sind der Steiermärkische Kunstverein Werkbund (er besteht seit 144 Jahren!), die Vereinigung Bildender Künstler Steiermark (gegründet 1899, also 110 Jahre tätig), die Grazer Secession (1923 gegründet von Wilhelm Thöny besteht seit 86 Jahren), der Künstlerbund, den es seit 1925, also 84 Jahre, gibt und last but not least die junge Berufsvereinigung Bildender Künstler, gegründet 1991.“

Am 3. November 2011 titelte „Der Standard“: „Kampf um Grazer Künstlerhaus“. Da war weiters zu erfahren, dass ein Manifest vorliege. Demnach eine „Kampfschrift“? Nein, nicht in Graz, denn da erschöpft sich „kämpfen“ auf dem Kunstfeld doch meist in einer Art energischem Plauderton. Aber warum diese kriegerische Metaphorik? Na, weil es ernst ist, darf angenommen werden. Wenn es im Steirischen ernst ist, dann wird gerne von Kampf und Aufstand und Widerstand dahergeredet.

Welcher Kampf ist also entbrannt?

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Manche fragen zaghaft: „Was ist Kunst?“ Andere fragen: „Wann ist Kunst?“ Vielen fällt lieber keine Frage ein. (Foto: Martin Krusche)

Beim ORF wusste man schon am 20. Oktober 2011: „Weiter Zwist über Grazer Künstlerhaus“ Oh, welche Belebung! Erstens soll man schließlich, wie es heißt, keine gute Krise versäumen. Zweitens hat Graz seine Tradition streitlustiger Kunstschaffender. Ach nein, diese Tradition war eigentlich Episode. Einst konnte man, wenn man darauf aus war, im Grazer Nachtleben noch ordentliche Wickel bekommen.

Ich denke etwa an Poeten wie Wolfgang Bauer oder Helmut Eisendle, an wortgewandte Künstler also, mit denen in Streit zu geraten mindestens unterhaltsam war, einen aber auch ins Grübeln bringen konnte, wenn nicht gar das eigene Leben um phantasievolle Beleidigungen bereichern mochte. Naja, das ist Historie… Kunstschaffende meiner Generation sagen entweder gar nix, sind vorzugsweise selbst beleidigt, oder äußern sich nur, wenn auch reichlich Publikum anwesend ist. Ausnahmen zu diesen drei Optionen kommen selten vor.

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Sich auf lange Dauer zu berufen, ist als ideologisches Werkzeug des Nationalismus diskreditiert. Unterm Strich scheint es so zu sein: Das Einzige, was sich nicht ändert, ist, dass sich alles ändert. (Foto: Martin Krusche)

Was ergibt denn nun diesen angeblichen Kampf um das Grazer Künstlerhaus? Fünf steirische Künstlervereinigungen machen ihr „Hausrecht“ geltend, wo sie befürchten, dass ihre Präsenz vor Ort geschmälert werden könnte. Bisher mussten sich die Berufsvereinigung der Bildenden KünstlerInnen (BVBK), der Künstlerbund, die Sezession, der Kunstverein Werkbund und Vereinigung Bildender Künstler das Künstlerhaus quer durchs Jahr meist nur mit den Vorhaben von Kunsthistoriker Werner Fenz teilen. Sonst noch was? Naja, ein paar andere Optionen gab es auch.

Einer Presseaussendung dieser Verbände (Pressegespräch am 13. Juli 2011 im Raiffeisenhof) konkretisierte vergangenen Sommer den Grund der wachsenden Unruhe. Da wurde Kulturlandesrat Dr. Christian Buchmann wie folgt zitiert: „Das Künstlerhaus in Graz ist einer der schönsten Ausstellungsräume, aber leider baulich in keinem sehr guten Zustand – ich habe daher noch Ende 2010 das Universalmuseum Joanneum mit der Sanierung beauftragt. Diese wird 1,8 Millionen Euro kosten und bis Ende 2012 abgeschlossen sein.“

Es wird also ein gewichtiger Brocken Geld bewegt, um einen Ausstellungsraum zu erhalten, der im Land kaum Vergleichbares kennt. Inzwischen war zu erfahren, dass mehrere Konzepte für eine Neuorientierung bezüglich der Nutzung des Künstlerhauses in Arbeit seien. Künstlerin Eva Ursprung hat namens der IG Kultur Steiermark einen sehr interessanten, aber auch höchst anspruchsvollen Vorschlag geäußert. Der neue Modus solle in einer einjährigen, öffentlichen Veranstaltungsreihe erarbeitet werden. Das wäre eine bisher beispiellose Verfahrensweise dieses Milieus, worin auch der Vorteil läge, dass künstlerische Positionen und Auffassungen von Gegenwartskunst wieder einmal konzentrierter zur Debatte stünden.

Bei Kulturlandesrat Buchmann liegen inzwischen Konzepte der Künstler und Künstlerinnen Luise Kloos, Erika Lojen und Edith Themmel, von Sandro Droschl und Margarethe Markovec, ferner eines vom Stadtmuseum. Und natürlich eines der fünf schon erwähnten Verbände.

Ein „Kulturkampf“ wird aus all dem vermutlich nicht, vorerst ist es auch kein heftiger Diskurs, aus dem sich neue Positionen ablesen ließen. Immerhin gibt es schon einen Anflug von Polemik, was mich denken lässt: Besser als gar nix! Vielleicht greift jemand solche Bälle auf.

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Offensichtlich gesamt als inhaltliches
Statement der Berufsvereinigung der
Bildenden KünstlerInnen auf die
aktuelle Debatte gemünzt: Die aktuelle
Ausstellung in Graz. (Grafik: BVBK)

Die Berufsvereinigung der Bildenden KünstlerInnen (BVBK) eröffnete am 3. November 2011 im „Kunstbad“ des Raiffeisenhofs ihre Ausstellung „Mit Hirn“. BVBK-Präsidentin Beate Landen merkte in der Einladung an: „Die ‚Kulturelite’ der Steiermark ist leider der Meinung, die heimischen Künstler, ganz besonders aber die Künstlervereinigungen bzw. deren Mitglieder seien weder sonderlich kreativ noch hätten sie künstlerische Kompetenz.“

Ich wüsste freilich zu gerne, woran ich „die ‚Kulturelite’ der Steiermark“ erkennen könnte. Dazu werden Kontroversen um das Künstlerhaus eventuell anregende Klarheiten hervorbringen; wie auch zu Fragen, ob an „Steirischer Kunst“ etwas „typisch steirisches“ sei; oder ob wir einfach von Gegenwartskunst zu reden hätten, die sich auf sehr unterschiedliche Weise zeigt. Ich mag Kontroversen. Und ich bevorzuge das Prinzip

„Nennen Sie Ihre Gründe!“

Landen lieferte in der erwähnten Einladung schon einige Stichworte: „Die Themen ‚Kontext-Kunst’, ‚Konzept-Kunst’, selbsternannte kulturelle Eliten, Geschmacksmonopol, unantastbare Kulturtempel, Gleichbehandlung allen künstlerischen Schaffens und die Notwendigkeit, den Kunstbegriff kontinuierlich zu erweitern, werden in die Arbeit einfließen.“

Von der IG Kultur Steiermark erfuhr ich am 14. Oktober auf Facebook: „LR Buchmann lud am 12.10.2011 zur zweiten ganztägigen Enquete ‚Neuorientierung des KünstlerInnenhaus’ ein.“ Ich vermute, dass sich Landens Einladungstext unter anderem auf deren Ergebnis bezog. Damals war ja offenbar der Diskurs eröffnet worden: „Trotz äußerst unterschiedlicher Positionen der Vertreter und Vertreterinnen von so verschiedenen Organisationen wie z.B. dem Universalmuseum Joanneum, der KSG sowie Vertreter und Vertreterinnen der freien Szene konnten Eckpunkte des Profils definiert werden.“

Die genannten Eckpunkte lauten:

  • Das KünstlerInnenhaus soll für zeitgenössische steirische Künstler und Künstlerinnen, unabhängig von deren Wohnort, zur Verfügung stehen und ist im Spannungsfeld des regionalen und internationalen Austausches zu sehen.
  • Das KünstlerInnenhaus soll ein Ort der Kunstöffentlichkeit sein, geprägt von niederschwelligem Austausch mit der Gesellschaft und in Bezug zu den bereits vorhandenen Institutionen in der Stadt.
  • Neben den Veranstaltungen und Ausstellungen sollte eine "Freie Akademie" Teil des KünstlerInnenhauses sein. All dies immer unter der Prämisse von Qualität mit Risiko!

An jenem Mittwoch, dem 12. Oktober 2011, äußerte man seitens der alteingesessenen Verbände, so der ORF, man wolle „die Flamme der Tradition übernehmen". Es bleibt also abzuwarten, was an inhaltlicher Präzisierung noch veröffentlicht werden wird.

Bevor wir also einen Kampf um das Grazer Künstlerhaus konstatieren können, müsste einmal eine energische Debatte nachgewiesen werden. Ich finde augenblicklich etwas Geplänkel und ein paar interessante Stichworte. Hier geht es also um so brisante Fragen, wie etwa Ansprüche begründet werden können, die Zugriff auf eine stolze Hütte ermöglichen, deren Sanierung 1,8 Millionen Euro kosten wird, vielleicht letztlich sogar mehr, deren laufender Betrieb nicht aus der Portokasse des Landes zu bestreiten ist.

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Kunsthistoriker Werner Fenz (rechts), einer der exponiertesten Kuratoren der Steiermark, wird wegen seiner Expertisen gleichermaßen gesucht wie gemieden, je nachdem, welche Interessenslage ihm gegenübertritt. Ob er im Künstlerhaus weiter aktiv ein wird? (Foto: Martin Krusche)

Ich finde es äußerst wünschenswert, dass Kunstschaffende, wenn vielleicht auch nicht individuell, so doch mindestens kollektiv zu begründen verstehen, warum sich eine Gesellschaft solche Investitionen leisten soll, ja leisten muss.

Wer darf eine attraktive Struktur, die derlei Kosten verursacht, in welchem Ausmaß nutzen? Welcher immaterielle Gegenwert will dafür erbracht werden? Welche kulturellen Implikation sollten geeignet sein, eine betriebswirtschaftlich gewichtete Debatte in den Hintergrund zu drängen, um das Augenmerk auf jenes „symbolische Kapital“ bzw. „kulturelle Kapital“ zu lenken, das Kunstschaffende generieren und welches in das Gemeinwesen einbringen? Ein Feld von Leistungen, die freilich von Kunstschaffenden nur erbracht werden können, wenn es dazu angemessene Strukturen gibt.

Die IG Kultur Steiermark hat inzwischen eine Website angelegt, über welche laufende Diskurse zum Thema offengelegt werden sollen: Dazu wird auch eine Mailingliste angeboten.

Von den anderen Interessensgruppen und Personen, die mit einem Konzept für das Künstlerhaus im Gespräch sind, weiß ich im Augenblick noch keine Details. Wo die öffentlichen Mittel einer „res publica“ in öffentlichen Angelegenheiten eingesetzt werden, vermute ich, dass wir beizeiten erfahren dürfen, welche Intentionen über welche Methoden zu welchen Zielen führen sollen.

© Martin Krusche, Jahrgang 1956, freischaffender Künstler, Exponent von „kunst ost

Ein Schäuferl nachgelegt hat Martin Krusche hier!

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