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Und notfalls leiden wir an uns selbst - Martin Krusche

Dann kamen noch ein paar Schätzchen ins Spiel, da staune ich vor allem, welche Gehässigkeit mit solchen Leuten durchgeht, wenn sie sich angefochten fühlen.

Und notfalls leiden wir an uns selbst

Das erste Jahrzehnt meines Lebens als Künstler begann 1977 und war von überaus romantischen Verläufen geprägt. Dazu gehörten das notorische Schreiben von Gedichten, durchzechte Nächte, Phantasien von wachsender Bedeutung und das Abarbeiten von Autoritätskonflikten an etablierten Leuten.

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Es ist so fad in der Provinz: Mit Architekt Mark Blaschitz („SPLITTERWERK“) im Gleisdorfer „Drive in Wurm“

Das jüngste Jahrzehnt meines Lebens als Künstler ist hauptsächlich leiser, ist von Begegnungen mit Professionals geprägt, die ihrerseits wenig Lärm verursachen, die ohne Marktschreierei auskommen und in ihren künstlerischen Praxen ebenso konzentriert wie sachkundig erscheinen.

Jene, die mir darunter am liebsten sind, zeigen sich in der Regel geistreich, klar orientiert, mit einem unspektakulären Selbstverständnis, um einen anspruchsvollen Beruf auszuüben, der lebhafte Konjunkturen hat, rauf und runter, und bei dem man für sein erhebliches Maß an Selbstbestimmung einen hohen Preis bezahlt.

So weit, so gut. Wie und warum mag es dann zu Tänzchen kommen, die etwa Anlass für meine jüngste Polemik waren? Siehe: „Ich glaub, mich tritt die Goaß!“ Die Repliken darauf kamen daher wie Hagel und Donner. Das wäre noch nicht weiter erwähnenswert, denn eine Polemik ist ja auf deftige Antworten ausgerichtet. Das ist ihr Sinn, man könnte sagen: ihre Bestimmung.

Gegen Argumente oder Personen?

Erstaunlich bleibt aber, dass es rund um Graz in derlei Situationen seit Jahren recht schnell gegen Personen geht, statt bloß eine Sache zu verhandeln. Es werden oft nicht meine Argumente angegriffen, sondern ich selbst bin Ziel der Attacken. Es könnte ein Anfechten meiner Ansichten genügen, aber was mir allerhand Feedback an Befunden lieferte, entspricht eher einer symbolischen Auslöschung. Das ist ein wenig gespenstisch.

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Es ist so fad in der Provinz: Mit Künstler Sergej Romashko („Kollektive Aktionen“, Moskau) im Gleisdorfer „Red Baron“

Es wäre mir noch nie in den Sinn gekommen, während solcher Tänzchen die geistige Integrität eines Opponenten in Frage zu stellen oder jemandem rhetorisch in die Fresse zu schlagen, indem ich ihr oder ihm rundheraus jegliche künstlerische Relevanz abspreche. Derlei symbolische „Generalvernichtungen“ eines Status kannst du heute in Graz jederzeit für zehn Cent kriegen.

Wie erwähnt, die mögliche Trennschärfe gilt der Frage, ob man eine Ansicht oder eine Person anzugreifen wünscht.

Die erste Replik auf meine Polemik war zwar schon eine Aberkennung jeglicher Bedeutung, aber immerhin noch einigermaßen moderat formuliert. Dann kamen noch ein paar Schätzchen ins Spiel, da staune ich vor allem, welche Gehässigkeit mit solchen Leuten durchgeht, wenn sie sich angefochten fühlen.

Ausgangspunkt der ganzen Plauderei war ja eine medienpolitische Problemlage, die mit einer kulturpolitischen Problemlage korrespondiert. Haben wir dazu nun mehr erfahren? Sind aktuelle Positionen etwa einer Grazer Autorenversammlung oder IG Kultur Steiermark sichtbar geworden? Bisher nicht. Dafür charmante Statements wie:

„Also ich les den Martin Krusche freiwillig und wo ich ihn finden kann! Er erinnert mich an die dümmste vernünftige Maschine von Stanislaw Lem. Ich bete für ihn! Aber entweder ist Gott wirklich tot, oder er hat ganz Besonderes mit ihm vor. Vielleicht ist er ja ein Gleichnis? Ich weiß zwar selber nicht genau wofür, vielleicht aber für den Versuch einer Entblödung, die nicht und nicht funktioniert?“

Wo wird das Problem verhandelt?

Auf der GAV-Website wird unter „Mitteilungen“ mancher Trauer Ausdruck verliehen, aber ich finde keine kulturpolitisch relevanten Neuigkeiten. (Immerhin gab es einen „kulturpolitischen Kontext der Gründung“.)

Fußnote: Die IG Kultur Steiermark ist mit dem Fall „Kleine Zeitung“ offenbar nicht befasst. Obwohl die Angelegenheit vielleicht noch einige Fragen offen lässt. Die Facebook-Gruppe teilte ja mit: „Die Unterzeichneten protestieren gegen die Einstellung externer Textformate in der „Kleinen Zeitung“ („Exit Graz“ in G7, „Stadtflaneur“ im Grazer Lokalteil u.a.). Es ist eine kurzsichtige Konzern-Strategie…“

Ich finde dafür bei der IG Kultur einmal mehr jenen „Funktionärsjargon“, an dem ich mich so stoße, weil ich mich nicht damit abfinden kann, dass ich den Sprachstil meines Milieus in derlei Konfrontationen längst nicht mehr von jenem der Gegenüber unterscheiden kann: „Mit Befremden und nicht ganz ohne Amusement nehmen wir, der Vorstand der IG Kultur Steiermark, die “SVA-Urbefragung” zur Kenntnis.“

Es hätte meine Polemik auch Anlass sein können, sich kulturpolitisch klar zu äußern. Solcher Feedback fällt dann aber eher nicht in diese Kategorie: „Ein Sisyphus, der immer wieder diesen Stein seiner Beschränktheit wälzt, der schreckliche Pathos, der ihm dabei grinsend im Genick sitzt. Sogar seine Bösartigkeit ist irgendwie putzig. Und dieser Luschenexpress Info Graz, der ist ja auch irgendwie putzig.“ 

Daher rührt ja dein Pathos!

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Es ist so fad in der Provinz: Mit Publizist Norbert Mappes-Niediek (links) und Autor Nenad Popovic in der Gleisdorfer „Kirchtavern“

Es ist sehr aufschlussreich, dass schon eine einzige Polemik aus dem eigenen Milieu, nämlich meine, a) plötzlich ein neues Feindbild generiert und b) das FB-Engagement der Gruppe völlig zum Erliegen bringt: die gruppe ist durch den übereinsatz eines hobby-geschäftsführers, der keine autorInnenhonorare zahlen will, aber sich als kämpfer gegen monopole profilieren möchte und seines sattsam bekannten spaltpilz-freundes krusche mit kontraproduktiven mail geflutet worden...“

Nun kann man sich auf Facebook leicht selbst davon überzeugen, dass von einem „Fluten“ gar keine Rede möglich ist und außer verbalen Abwehrreaktionen nichts an essentiellen Beiträgen zur eigentlich betonten Problemlage daherkam.

So ist etwa „Weißt du Martin, dein Problem ist einfach, dass du nicht künstlerisch arbeitest, dadurch verstehst du auch künstlerische Problemstellungen nicht, die dir ja so vehemendes Anliegen sind. Daher rührt ja dein Pathos, den Schiller definiert als Leiden am Widerspruch zwischen individueller Sehnsucht und sozialer Anforderung.“ nicht gerade ein klärender Beitrag zu den Fragen der Publikations- und Verdienstmöglichkeiten steirischer Autorinnen und Autoren.

Es wäre recht interessant, gründlich zu debattieren, was wir heute von Mainstream-Medien erwarten dürfen, erwarten möchten, was wir überdies an grundlegenden Strategien finden mögen, um uns in einer sich so radikal verändernden Medienwelt neu und zeitgemäß aufzustellen.

„du hast es im leben sicher nicht leicht gehabt“

Wenn ich vor über dreißig Jahren losgezogen bin, um als freier Autor zu leben, dann werden mir heute mein einstiges Selbstverständnis und meine damaligen Verfahrensweisen bei Schritten an die Öffentlichkeit wenig nützen. Es hat sich zu vieles auf allen Ebenen verändert.

Es wurde mir nun kondoliert: „du hast es im leben sicher nicht leicht gehabt. die letzten zwanzig jahre musst du wirklich gelitten haben. dieses geltungsbedürfnis und diese mangelnde resonanz auf deine eingebildete relevanz! zum glück fehlt dir jede befähigung zur selbstkritik.“

Gut, an der Art von Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Problemlagen der Freelancers auf dem Kunstfeld kann ich nicht einmal festhalten, wenn ich Lust auf Polemik habe. Die Diffamierung einer Person, um sich die Beschäftigung mit ihren Argumenten zu ersparen, erschöpft sich ja sehr schnell, wird dabei selbst für Zaungäste und Publikum fad.

Das Muster ist schon etwas abgenutzt. Es kursieren unüberprüfte Vorstellungen von einer „Solidarität“ unter Kunstschaffenden, ohne dass ich je erfahren hätte, was genau damit gemeint sei. Über meine öffentliche Kritik an Merkwürdigkeiten meines Berufsfeldes hagelt es meist Anfeindungen und Diffamierungen. Ich hab das früher abschnittweise in einer kleinen „Enzyklopädie der Beschimpfungen“ zusammengefasst, weil es in gebündelter Form ganz amüsant sein kann.

Dahinter bleibt aber die gähnende Leere im Mangel an kulturpolitisch verhandelbaren Positionen und das offenkundige Fehlen medienpolitischer Strategien, wodurch die schreibende Zunft nahe am Offenbarungseid dahinwirtschaftet.

Das oststeirische Sibirien?

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Die „Garage“ von 1987: Acht Leute, die sich für das Kulturgeschehen engagieren, da kann man es schlechter erwischen.

All die Scherereien sind ja nicht vom Himmel gefallen. Die konsequente Abwertung von Wissensarbeit ist ein Prozeß, der nun schon Jahrzehnte andauert. Davon sind nicht bloß die Dichterinnen und Dichter betroffen. Darüber wäre also zu reden; ob Leute wie wir überhaupt in der Lage sind, diesen Status quo zu erkennen, zu reflektieren und daraus praktikable Schlüsse zu ziehen, ergo Verantwortung für unser Metier zu übernehmen. Oder ob wir es beim Jammern, Wehklagen und (Be-) Schimpfen belassen möchten.

Über eine andere Sache wird auch noch zu reden sein. Da hieß es an einer Stelle der Repliken: „...entpuppt sich als Martin Krusche. Der aus seinem Gleisdorfer Exil seine für die Älteren unter uns bekannten Verdammungssprüche loslässt, die in den letzten Jahren außerhalb seiner Garage kaum noch zu vernehmen sind.“

Darin offenbart sich ein sehr populäres Denkschema, das ein Konzept des Verhältnisses von „Zentrum/Provinz“ etwa aus dem 19. Jahrhundert fortschreibt. Denn warum sollte Gleisdorf, wo ich seit 1985 lebe, mein „Exil“ sein? Ist es womöglich ein Verbannungsort? Mein oststeirisches Sibirien?

Aber so geht das oft mit Graz oder mit Leuten aus Graz. Was nicht Graz ist, wird gerne als nachrangig herausgestellt. Das hat leider auch enorme kulturpolitische Konsequenzen…

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