Im Tränenmeer schwimmen - von Martin KruscheZurück
...hohe kulturpolitische Ansprüche stellt, vorzugsweise nicht an sich selbst UND andere, sondern vor allem einmal an andere
Erika Thümmel in der „Kleinen Zeitung“. Aber was heißt das jetzt für die Praxis?
Ich hab kürzlich eine Notiz mit „Selbstermächtigung und Autonomie„ überschrieben. Autonomie bedeutet, sich selbst Regeln zu geben. Das meint auch, sich für selbstgewählte Aufgaben verantwortlich zu fühlen. Selbstermächtigung meint hier, nicht den Auftrag eines „Souveräns“ abzuwarten, sondern aus eigenen Stücken zu klären, worum es gehen und was geschehen soll.
Das sind Angelegenheiten, die den meisten von uns nicht gerade in der Kinderstube beigebracht wurden. Es war hier sicher schon festzustellen, dass ich der Meinung bin, solche Agenda sind nicht erledigt, indem man bloß anhaltendes Protestgeschrei anstimmt und/oder im Social Network auf „Like-Buttons“ klickt. Solcher Art der „Mausklick-Demokratie“ stehe ich lägst sehr skeptisch gegenüber.
Rasend konservativ?
Ich hab an anderer Stelle skizziert, wie eine steirische Kunst-Community hohe kulturpolitische Ansprüche stellt, vorzugsweise nicht an sich selbst UND andere, sondern vor allem einmal an andere: In meinen rund 35 Jahren auf dem Kulturfeld hat sich folgendes als verlässlicher Indikator von problematischen Positionen erwiesen: Wenn eine Runde sogar selbstgewählte Aufgaben längerfristig nicht erledigt, ist Vorsicht geboten.
Ich bleibe vorerst noch ratlos, welcher neuer Status quo möglich werden soll, wenn wir zwar dem Personal aus Politik und Verwaltung zu sagen wissen, was an ihren Verfahrensweisen geändert werden muss, wenn wir selbst dabei aber überwiegend Modi wie vor 20, 30 Jahren bevorzugen und pflegen. Das wird vermutlich nicht zielführend sein.
In den aktuellen Debatten (anlässlich der Neunutzung des Grazer Künstlerhauses) kristallisieren sich ganz wesentlich folgende Tendenzen heraus:
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Erfahrene Kunstvermittler präzisieren ihre Vorstellungen und Erwartungen.
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Einige Kunstschaffende appellieren um mehr Mittel auf ihrer Seite und mehr Regulierung bei den Anderen.
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Einige originelle Köpfe bringen ausgesprochen schrullige Ideen auf den Tisch.
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Viele Kunstschaffende schweigen.
Kren reiben für Altgediente
„Blizzfrizz“ Reinhard Weixler denkt kulturpolitisch an ein Kräftespiel, das eine Spur über Graz hinausreicht
Aber in Summe ist das, was ich etwa aus der Serie „Kulturpolitik – Quo vadis?“ durch die „Kleine Zeitung“ erfahre, weitgehend ohne Anreiz und Anregung für eine zukunftsorientierte Kulturpolitik, in der sich auch Künstlerinnen und Künstler als tragende Elemente von Politik verstünden.
In „Winden und wimmern“ hab ich skizziert, dass dieser Teil öffentlicher Debatten überwiegend hinter dem zurückbleibt, was längst debattiert, verschriftlicht und der Politik übergeben wurde.
Auf meine gelegentlich geäußerte Verwunderung, dass in diesen Debatten nun eindeutig nach „mehr Staat“ Und mehr Regulierung gerufen wurde, meinte „Blizzfrizz“ Reinhard Weixler: „immernochbesser mehrstaat als mehrglobalindustries“. Das halte ich für einen sehr guten Einwand.
Der Staat und wir
Wir sollten ja in der Lage sein, aktuell zu klären, wie etwa ein Staat sein Gemeinwesen gegen so manchen brutalen Raubzug bedenkenloser Unternehmer besser schützen kann und auf welche Arten wir mit Leuten aus Politik und Verwaltung daran arbeiten könnten, dass für unser Metier adäquate Modi verfügbar sind. Das wäre ein klares Argument für so manche Regulierung.
Das zu leisten wird von einer kulturpolitischen Standesvertretung des Metiers zwar irgendwie proklamiert, aber es geschieht allerweil eher nicht. Ein Beispiel: Im Protokoll zu einem Arbeitstreffen am 21. November 2011 notierte Eva Ursprung (Vorstand der IG Kultur Steiermark):
>>es geht vor allem darum, den (lokalen) künstler*innen ausserhalb von institutionen einen raum zu schaffen, in dem spannende projekte stattfinden und kommunikation/vernetzung möglich ist. wenn wir uns vernetzen, wird es für die politik zunehmend schwieriger, über unseren köpfen hinweg kulturpolitische entscheidungen zu treffen – wir werden ein ernst zu nehmender faktor.
in regelmässigen treffen, auf der mailingliste und später auf einem gemeinsamen blog sollen vorerst mal argumente, konzepte und ideen gesammelt werden, die die ansätze im manifest vertiefen. abgesehen von unseren bemühungen um das künstler*innenhaus geht es generell um die entwicklung gemeinsamer strategien, um austausch, vernetzung – auch unabhängig vom haus.<<
Gemeinsam einsam
Künstlerin Eva Ursprung wünscht sich was. Aber es ereignet sich nicht.
Der „gemeinsame blog“ ist bis heute fast leer. Was Ursprung hier vorschlägt, hat es in den Monaten danach nicht gegeben, in den Jahren davor eigentlich auch nicht. Wie sagt die alte Therapeuten-Faustregel? Wenn jemand ausdauernd deine Bedürfnisse ignoriert, hör auf, etwas von ihm zu erwarten. Wäre um einen Fake aus dem Wissensschatz der Naturvölker zu ergänzen, eine „Indianerweisheit“, mit der ich gerne hausiere: „Wenn das Pony tot ist, absteigen!“
Auf der KIG!-Website (Plattform für interdisziplinäre Vernetzungsarbeit) habe ich nun einen interessanten Beitrag von einem anderen IG Kultur-Vorstandsmitglied entdecken können. Stefan Schmitzer schreibt… über etwas, das mit dieser Debatte fast nichts zu tun hat: „Notizen über ein paar neue Formate und ihre Implikationen“ Auf der IG-Website selbst gab es seit Monaten keine erkennbar neuen Diskursbeiträge zum Status quo.
Kann man mit Zeitungspapier seine Tränen trocknen? .
Um das Bildchen abzurunden, hier noch ein Zitat aus der öffentlichen Kommunikation Grazer Zentrums-Formationen. Evelyn Schalk schrieb im Editorial von „ausreißer“ #43: >>Viel zu beschäftigt ist man, das tägliche Ende auszuhalten, das Geld das hinten unten vorne nicht reicht, weil man (sich) mit miserabel bezahlten Jobs mehr unter als über Wasser hält bzw. gehalten wird, weil man ohne Job zu den fehlenden Mitteln auch noch die scheelen Blicke, die hilflosen Erklärungen und das eingeimpfte Versagensgefühl ertragen muss, weil die Panik vor dem Schreiben im Briefkasten, das man zwar kaum versteht, aber doch mehr fürchtet als alles andere, kaum mehr auszuhalten ist und man weiß,…<<
Weil es so knapp und prägnant ist, möchte ich in der Sache das Editorial von „ausreißer“ #44 vollständig zitieren:
abgestempelt
schubladisiert
ausgeschlossen
abgegrenzt
machterhaltend
armutserhaltend
tabuisiert
instrumentalisiert
manipuliert
typologisiert
verurteilt
stigmatisiert
…festgeschriebene Verhältnisse…
erledigt!?
[Quelle]
Graz bettet sich auf seinen Klagen. So könnte man annehmen. Aber das ist freilich nur ein Ausschnitt des Grazer Kunstbetriebes. Womöglich einer, der an seinen eigenen Tränen ersaufen wird, statt das Schwimmen modern zu machen.
Freilich soll das jetzt hier nicht in so deprimierender Tonlage enden. Mir fällt dazu ein alter Lyrik-Fetzen ein, so ein Fragmentchen… Wer war das bloß? Was war das bloß? Wann war das bloß?
Come gather 'round people
Wherever you roam
And admit that the waters
Around you have grown
And accept it that soon
You'll be drenched to the bone
If your time to youIs worth savin'
Then you better start swimmin'
Or you'll sink like a stone
For the times they are a-changin'.
© Martin Krusche, Jahrgang 1956, freischaffender Künstler, Exponent von „kunst ost“
Weitere Beiträge von Martin Krusche zum diesem Thema und zu anderen Themen sind hier.