Alte Post und Kommerz (Ein Straßenfragment als Denkanstoß)Zurück
Das wirtschaftliche Blühen und Gedeihen von Graz ereignete sich ganz wesentlich im heutigen 8020er-Bereich.
Von der alten Dimension dieses wichtigen Verkehrsweges ist nur ein bescheidener Abschnitt übriggeblieben
Aber jetzt! Jetzt kreise ich einmal um das Straßenschild und schwärme dann aus, durchlaufe den überschaubaren Abschnitt, der in Graz als „Alte Poststraße“ von der einst bedeutenden „Commercial-Haupt- und Poststraße“ übriggeblieben ist. Es wäre auch die Triesterstraße zu betrachten, aber ich greife vor. Ich hab das Thema hier schon mehrfach angerissen und wurde dann stets vom Lauf der Ereignisse zu anderen Dingen gezerrt. Ich mag das, weil mein ganzes Leben so funktioniert.
Routen
Verkehrs- und Kommunikationslinien zwischen relevanten Orten waren einst viel wichtiger als „flächige Konzepte“. Obwohl die Reiche und deren Grenzen seit Jahrtausenden ein Thema sind, gibt es eine leistungsfähige Kartografie, die etwa einen Nationalstaat präzise darstellen, also bemessen könnte, erst recht kurze Zeit. Österreich wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Rahmen der „Josephinischen Landesaufnahme“ gründlich erfaßt.
Ausschnitt aus der historischen Militärkarte der österreichisch-ungarischen Monarchie, Landesaufnahme: von 1764 bis 1787
Einst war es für das imperiale Zentrum Wien von großer Bedeutung, eine leistungsfähige und intakte Verkehrs- bzw. Kommunikationslinie nach Triest, genauer, nach dessen Hafen zu haben. Das drückte sich in der „Commercial-Haupt- und Poststraße“ aus, deren Reste in Graz noch als Alte Poststraße und Triesterstraße vorhanden sind.
Diese Route führte über die Wienerstraße in die Stadt herein, passierte dabei die Viertel Lend und Gries, welche über Jahrhunderte mit den vielfältigen Aufgaben belegt waren, dem Bürgertum, das am „anderen Murufer“ ansässig war, die nötigen Güter und Dienstleistungen zu erbringen. Das bedeutete für Lend und Gries: Produktionsstätten, Technologieschübe, Transportwege, fremde Menschen, Reisende. (So ist es im Grunde bis in die Gegenwart.)
Vielfalt und Fremdheit
Lend und Gries in der nahem Vergangenheit, das hieß: Russische Studenten, bosnische Regimenter, handwerkliche Fachkräfte aus allen Teilen des Reiches und aus Nachbarstaaten des Hauses Habsburg, Fuhrleute, Handelsreisende… Das wirtschaftliche Blühen und Gedeihen von Graz ereignete sich ganz wesentlich im heutigen 8020er-Bereich. Über Jahrhunderte wirkte dort „das Fremde“, lebten dort „die Fremden“ zum Wohle des einheimischen Bürgertums.
Die Industrie ist im Umfeld noch präsent, doch wo Betriebe abgewandter sind, haben zum Beispiel Bildungsstätten wie die FH Joanneum übernommen.
Einige markante Erfolgsgeschichten fanden in jenen Bezirken von Graz statt. Ich hab im Artikel „Steinerne Selbstdarstellung“ den Fabrikanten Johann Puch erwähnt, der als Unternehmer so prägend war, dass etwa „Magna Steyr“ auf der Autobahn heute noch mit „Puchwerke“ angekündigt wird. Der ethnische Slowene Janez Puh kam aus der „Untersteiermark“ über Radkersburg nach Graz und begann seine Unternehmerlaufbahn mit einer Werkstatt in der Strauchergasse.
Aber zurück in der Zeit: Bevor es leistungsfähige Straßennetze gab, ist Schiffahrt auf den Flüssen das wichtigste Mittel zum Transport von Massengütern gewesen. In Graz war demnach die Mur mit ihren Flößern und Schiffern die dominante Route, wodurch der Bezirk Lend seinen Namen erhielt. Das Wort leitet sich vom „Anlanden“ her. Noch heute können Sie dort einen „Floßlendplatz“ finden, der mit seinem Namen an diese Zusammenhänge erinnert.
Innovationen
Der nächste Technologie- und Struktursprung drückte sich in der schon erwähnten „Post- und Kommerzstraße“ aus, die ein Stück westlich der Mur verlief. Mit der Einführung der Eisenbahn, auf einer Trasse weiter westlicher des Flusses, wurde die Bedeutung der vorherigen Routen verworfen.
Wir können heute kaum noch ermessen, was solche technischen und strukturellen Entwicklungen einst bedeutet haben. Klagloses Transportwesen und weitgehend ungehemmter Individualverkehr gelten uns als selbstverständlich. Darauf gründet sich sehr wesentlich jener Komfort, den wir im Alltag genießen. Das sind junge Phänomene, die sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg so herauskristallisiert haben und deren Verebben als „Massenphänomen“ wir womöglich noch erleben werden.
Betrachtet man diese soziokulturellen Faktenlagen genauer, stößt man auf verblüffend alte Motive. Das Lob des Individualverkehrs wurde schon vor Jahrtausenden in Ägypten gesungen, als eine kleine Elite zweirädrige Wagen nutzte, die primär Kriegsgerät waren, aber in Friedenszeiten auch für „Stadtverkehr“ sorgten. Parkplatzprobleme und Staus waren damals natürlich unbekannt. Bis in die 1950er-Jahre war die Nutzung eigener (Kraft-) Fahrzeuge den wohlhabenden Menschen vorbehalten.
Ich habe schon erwähnt: Technologiesprünge! Der „Drehschemel“ ist kein antiker Bürostuhl. Er war eine bahnbrechende Erfindung im Transportwesen. Und zwar ganz im Sinn des Wortes, neue Bahnen brechend. Während davor die Wagen starre Achsen hatten, konnte mit dem Drehschemel die Achse gelenkt werden. Dazu wurden die Zugtiere an der lange Deichsel geführt.
Die per „Drehschemel“ lenkbare Vorderachse war in der Ära der Zugtiere eine enorme Innovation, das Prinzip ist im gegenwärtigen LKW-Verkehr unverändert präsent.
Apropos Zugtiere! Bis etwa zum zweiten Weltkrieg hielt sich in der agrarischen Welt noch das Motiv dreier Kategorien. Nur die wohlhabenden Bauern hatten Pferde zu fahren, die einfacheren Leute absolvierten ihre Fuhrdienste mit Ochsen. Wer zum Ochsen ein Pferd dazuspannen konnte, repräsentierte die „Mittelklasse“. Wie spaßig, dass sich dieses Kategorien-Trio später auch in der Automobilwelt abbildete: Kleinwagen, Mittelklasse, Oberklasse.
Wo waren wir gerade? Ja, die „Alte Poststraße“ erscheint mir als interessantes Motiv, an dem einige historische Zusammenhänge der Mobilitätsgeschichte deutlich werden. Sie hat heute im Grazer Verkehrsgefüge keinen besonderen Rang mehr. Aber sie erinnert an Zusammenhänge, mit denen wir uns womöglich recht bald wieder werden befassen müssen.
© Martin Krusche, Jahrgang 1956, freischaffender Künstler, Exponent von „kunst ost“
