Mit gröberer Kelle (Etwas Verputzarbeit am Grazer Künstlerhaus) von Martin KruscheZurück

Ein Kampf sei entbrannt. Es werde auf Barrikaden gestiegen. Ganz liebe Wohlstandskinder fühlen sich offenbar vom „Arabischen Frühling“ inspiriert...

Vom „Arabischen Frühling“ inspiriert

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Rund um das Grazer Künstlerhaus wächst eine interessante Fragestellung zum Verhältnis zwischen Kunst und Kulturpolitik. (Foto: Martin Krusche)

Da war nun allerhand zu hören, was uns in Sorge zu stürzen vermag. Ein Kampf sei entbrannt. Es werde auf Barrikaden gestiegen. Ganz liebe Wohlstandskinder fühlen sich offenbar vom „Arabischen Frühling“ inspiriert. Da wurde heuer ja auch schon in einer „Oase des Aufstands“ gechillt, da wird man überdies im Bereich der Kunstgeschichte noch ins Grübeln kommen, denn es soll „Protestkunst“ gegeben haben. Ja, was immer das sein mag, Protestkunst. Da wird installiert und interveniert, dass sich die Balken biegen. So lebhaft ist Graz geworden.

Nun, wo sich des Kampfes Staub um die Waden der Briganten und Banditinnen etwas gelegt hat, sehen wir, dass es rund um das Grazer Künstlerhaus natürlich keine Schlacht, sondern eigentlich eine sehr normale Situation gibt. Die Hütte wird renoviert, damit weiterhin ihre bekannten Qualitäten zur Geltung gebracht werden können. Gut. Der Landeskulturreferent möchte frische Konzepte zur Nutzung kennenlernen und hat den Landeskulturbeirat beauftragt, ihn in dieser Sache zu beraten. Auch gut.

Gesetz ist Gesetz!

So schreibt es übrigens das Gesetz vor. Und wir haben seit 2005 kein blödes Landeskulturförderungsgesetz. Sein Paragraph 12 besagt: „Der Landeskulturbeirat ist Mediator für die Kulturschaffenden und Berater der Landesregierung.“ Das halte ich für einen passablen Modus, das riecht verdächtig nach zeitgemäßer Demokratie.

Während also der Landeskulturreferent Christian Buchmann ein passables Setting anbietet, einen „Wettstreit guter Ideen“ bevorzugt und ein sachlich wie milieumäßig gut durchmischtes Gremium – den Landeskulturbeirat – eingehende Vorschläge prüfen lässt, bleiben wir

Kunst- und Kulturschaffende natürlich wachsam.

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Obwohl Kunstschaffende ja für sich eine Deutungselite sind, scheinen sich viele unter ihnen davon verunsichert zu fühlen, dass manche Akteure ihre Definitionsmacht unverhüllt lassen. Links Peter Pakesch, rechts Werner Fenz. (Foto: Martin Krusche)

Da wäre nämlich noch der heimliche „Übervater“ des steirischen Kulturgeschehens, gewissermaßen der von Raffgier getriebene kulturelle Dagobert Duck des Grazer Kunstbetriebes. Oder doch nicht? Ich meine, Peter Pakesch ist ein Konzernchef. Ich erwarte nicht, dass er auf weiche Bandagen steht und mit seinen Untergebenen kuschelt. So was kommt bekanntermaßen bei Konzernchefs extrem selten vor. Wenn der bloß so hart ist, wie die weiland IG Kultur Steiermark-Vorsitzende Ilse Weber, hat man mit ihm nichts zu lachen.

Und jetzt? Da wollten sich wieder einmal einige Erregte an Peter Pakesch abarbeiten, was inzwischen etwas fad wird. Darum war ja auch medial solche Kriegsrhetorik eingeführt worden. Blöd gelaufen! Pakesch ließ wissen: „Wir sind nicht böse, wenn wir das Künstlerhaus wieder los sind.“ Ooooh, wie will man Held sein, wie meißelt man sich selbst durch Kampfesmut zur Heroine, wenn einem der Feind abhandenkommt?

Kampfzone? Dampfzone!

Da gäbe es noch einen Ausweg. Ein „Wettstreit guter Ideen“? Wäre doch gelacht! Sind einem Politik und Verwaltung kein veritables Kriegsgebiet, bleiben doch immer noch Kolleginnen und Kollegen, also andere Kunst- und Kulturschaffende, denen man am Zeug flicken oder notfalls (symbolisch!) den Kopf abreißen könnte.

Aber nein, das ist gewohnte Krusche-Art, sich erstens mit solchem Gerede wichtig zu machen und zweitens den Menschen nichts Gutes zuzutrauen. Dabei sei beteuert, ich will gar kein Kulturpessimist sein, sondern arbeite schon seit Jahren an der Wandlung zum Kulturoptimisten.

Wenn ich bloß noch diese sauertöpfischen Mienen loswerden könnte und nicht mehr dauernd diese ang’fressenen Gesichter sehen müßte. Ein bißl mehr Fröhlichkeit bei der Arbeit, im Kulturbetrieb, das täte mir gut. Aber was hierzulande unter Kunstschaffenden gelitten wird, nicht selten auch an Kunstschaffenden, eine Tragödie!

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Vernissage in Serbien: Die Heizung konnte noch nicht gekauft werden, aber der Betrieb läuft schon. (Foto: Martin Krusche)

Ich hab’s dagegen so leicht. Bin ich wieder in Bosnien bei einer Biennale und frier mir in der vormaligen Elektronik-Fabrik den Arsch ab, weil die dort kein Geld zum Heizen haben, lach ich zuhause leicht, denn da ist’s schön warm.

Oder kürzlich bei „Treci Beograd“, am Donauufer Richtung Pancevo. Das ist in Serbien. Da hat Selman bei der Vernissage Schwemmholz zusammengetragen und vor dem Haus ein Feuer entfacht, damit sich die Vernissagengäste aufwärmen konnten. Ja, so mach ich das, fahr öfter zu den Balkanesern, dann fühl ich mich zuhause richtig gut.

Meine steirischen Kolleginnen und Kollegen allerdings, jene, die vielleicht nicht so oft rauskommen, ich verstehe, dass die an der Bürde unseres Berufs härter leiden. Und darum das Kampfgetöse, diese Guerillarhetorik, das zornige Flüstern. All das ist Ausdruck der inneren Kämpfe, des Ringens um Klarheit und Wahrheit.

Härter werden!

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Warum muß die Welt sich drehen? Warum muss der Lauf der Dinge sich stets ändern? (Foto: Martin Krusche)

Ich hab kürzlich Folgendes beteuert. Die laufenden Debatten sind mir (überdies) etwas zu dünn. Ich wünsche mir:

  • Wenn schon Polemik, dann mit Esprit!
  • Wenn schon „Flaming“, dann aber radikal und mit grober Kelle!
  • Ansonsten hätte ich es gerne lieber sehr viel sachlicher und unaufgeregter! [Quelle]

Aber jetzt im Ernst! Die kulturpolitische Streitschrift des Personen-Komitees gefällt mir inhaltlich sehr gut und überrascht mich bezüglich der personellen Besetzung außerordentlich positiv. „Gerade mittlere und kleine Kunstinstitutionen, die zahlreichen Initiativen der freien Szene wie auch die KünstlerInnen müssen erkennen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen kontinuierlich verschlechtern.“ [Quelle]

Dem stimme ich zu und ich finde es höchst erfreulich, dass wir dazu nun vielleicht eine kontinuierliche Debatte in Gang kriegen, die laufend weiterführende Befunde und Thesenpapiere ergibt, welche uns helfen mögen, im Auge zu behalten, was schon debattiert und geklärt wurde. Das könnte dann auch eine gute Grundlage sein, um Strategien zu entwerfen, Handlungspläne zu formulieren und… Genau! Zu handeln.

Die „Plattform 25“ war heuer eine erste Auffälligkeit, deren kulturpolitischer Gehalt sich als erbärmlich erwies und über etwas esoterisches Raunen sowie banale Phrasendrescherei kaum hinaus kam. Der Sozialbereich hatte da eine merklich andere Figur gemacht, hängt aber inzwischen offenbar auch in den Seilen. Egal!

Auf dem Kultursektor ist nun anscheinend Schluß mit so infamen, eurozentristischen Akten, wie dem Plündern exotischer Codes ("Schuhe werfen als „Kunstaktion“) oder der teenagerhaften Anmaßung, sich als „Aufständische“ zu gebärden. Die 1.473 Mitglieder auf Facebook machen einen tollen Eindruck. Gäbe es dazu dann auch eine tollen Informationsfluß und tolle Diskurse? Noch nicht! www.plattform25.at

Das genannte Papier „Zur Lage der bildenden Kunst in Graz“ ist hauptsächlich von Leuten verfaßt, die Kompetenzen haben und zeigen. Das kann man zur Debatte stellen, das kann man auch sehr gut als Anregung zur weiteren Arbeit nutzen.

Interessant, dass Peter Pakesch, der sich von einigen Kritikpunkten der kulturpolitischen Streitschrift durchaus gemeint fühlen durfte, darauf reagiert hat. Auch von ihm kam ein Papier „Zur Lage der bildenden Kunst in Graz“, das allerdings kaum den Weg in die Öffentlichkeit fand. Es kann hier nachgelesen werden.

Antwortvielfalt

Philosoph Gerald Raunig, lange Jahre engagierte Kraft der IG Kultur Österreich, hatte mir vor vielen Jahren einmal in Wien, wo mir gerade eine diskursive Schlamperei unterlaufen war, energisch abverlangt: „Antwortvielfalt!“ Das sei im Kulturbetrieb gefordert. Darum würde ich in diesem Fall empfehlen: Lesen Sie Pakesch! Ich finde, man sollte seine Ansichten kennen und nicht so tun, als wüßte man eh schon, was der denkt und tun wird. Das wäre nämlich Ausdruck einer Arroganz, die dieser kulturpolitischen Krisensituation nicht würdig ist.

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Mit Präsidentin Beate Landen (Bildenden KünstlerInnen Österreichs LV Steiermark) ist momentan in der Sache nicht gut Kirschen essen. (Foto: INFOGRAZ)

Ich würde ebenso empfehlen: Lesen Sie Landen! Beate Landen! Wenn es etwas zu lesen gäbe. Sie ist Präsidentin der Berufsvereinigung der Bildenden KünstlerInnen Österreichs LV Steiermark. Ich würde auch gerne Streitschriften und Ideenpapiere der anderen Prätendentinnen und Prätendenten kennenlernen. Ich verstehe schon, dass sie momentan ihre Konzepte nicht herausrücken. Aber kulturpolitische Diskursbeiträge wären doch anregend.

Und was ich noch fragen wollte: Wenn da jemand proklamiert: „Solidarität mit Christa Steinle und Peter Weibel“, immerhin eine Facebookgruppe mit 17 „gefällt das“, wie äußert sich sowas? Wie macht man das? Nämlich mit den beiden Solidarität üben. Was heißt denn das konkret? Zu diesem Thema gibt es auch eine eigene Website.

„Lieber Herr Prof. Weibel, nachdem sich die Vertragsausfertigung wegen unterschiedlicher Ansichten Ihres Anwaltes Dr. Lindner nunmehr hinziehen,…“ Allein der Professorentitel macht mir schon klar: Das muß ein Rebellenkollege sein, ein Compadre.

Was ich damit meine? Ich bin so ein scheiß Freelancer mit großer Klappe, der es wirtschaftlich dauernd zu nix bringt. Darum hab ich womöglich etwas marxistisch anmutende Vorstellungen, wer in meinem Boot sitzt und wer nicht, wer mit mir durch den Dschungel und über Pässe hatscht und wer nicht.

Um da ein wenig mehr Klarheit zu ermöglichen, habe ich kürzlich begonnen, unter dem Titel Wovon lebt der Krusche? ein wenig aufzublättern, was meine sozialen Bedingungen sind, was meine ökonomischen Möglichkeiten sind, das erklärt uns noch nicht die ganze Komplexität eines Menschen auf dem Kunstfeld, aber es lässt etwas Orientierung zu.

Solidarität mit meiner Jausensemmel!

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Kreativität schön und gut. Aber ab und zu wäre schon zu klären, was nun der Gegenwartskunst gewidmet ist, was den Voluntary Arts zufällt, was wir als Kunsthandwerk deuten und was bestenfalls ambitionierte Bastelarbeit ist. (Foto: Martin Krusche)

Ganz unter uns, Leute, dass ich mich mit Konzernchefs, Systemfürsten, Vertragsebediensteten oder Landesbeamtinnen solidarisch erklären könnte, ist mir beim derzeitigen Menschenrechtsstatus Österreichs noch nicht in den Sinn gekommen. Ich hab allerdings so meine Ideen, was ich mir unter dem Begriff „Anbiederung“ vorstellen darf.

Ich hab gerade unter dem Titel

Sachpromotoren und Machtpromotoren

versucht, zusammenzufassen, was wir im Augenblick bezüglich Künstlerhaus wissen können. Quasi das Wichtigste in ein paar Minuten.

Ich darf mit der Einleitung dieses Artikels hier enden: Die griechische Tragödie lehrt uns: Alle sollen gehört werden! Der Buddhismus lehrt uns: Nichts ist egal!

Der erste Lehrsatz des “Steirischen Buddhismus” lautet nach Goofy Schmidt: “Mir wurscht!”

© Martin Krusche, Jahrgang 1956, freischaffender Künstler, Exponent von „kunst ost

Weitere Beiträge von Martin Krusche zum diesem Thema und zu anderen Themen sind hier.