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Von einer tragisch ahnungslosen Mittelschicht

Im Schauspielhaus Graz hatte letzten Samstag „Geächtet“ („Disgraced“) von Ayad Akhtar Premiere. Muss man inhaltlich nicht vollständig richtig finden, sollte man sich aber ansehen.

Darsteller,Benedikt Greiner,Evamaria Salcher,Florian Köhler,Mercy Dorcas Otieno,Pascal Goffin,Regie,Volker Hesse
Theater, Welt des Ayad Akhtar. Darsteller: Mercy Dorcas Otieno, Pascal Goffin, Benedikt Greiner, Florian Köhler, Evamaria Salcher. Regie: Volker Hesse

„Geächtet“ hatte erst vor sehr Kurzem seine deutschsprachige Uraufführung am Burgtheater (das englische Original gab es schon 2015 in der Drachengasse zu sehen). Das Stück läuft seitdem in unterschiedlichen Fassungen an vielen deutschsprachigen Bühnen, und die Version, die uns das Grazer Schauspielhaus bietet, nimmt unter diesen für sich laut Einführung das Alleinstellungsmerkmal in Anspruch, stark abstrahiert zu sein, kaum realistisch, sozusagen requisitenfrei. Dieser Ansatz geht umstandslos auf, auch der geradezu zirkusartistischen Leistung des fünfköpfigen Ensembles wegen, das in dem hochgestellten Labyrinth der Bühne symbolisch im Kreis läuft, tatsächlich also unausgesetzt auf und ab rennt, klettert, turnt. Wir sehen das und (sollen) denken: an Hierarchien, wie sie sich im Lauf der Handlung verschieben; an Karriereleitern; an Hamsterräder, die von innen wie die Karriereleitern aussehen; sollen wohl auch die Transparenz der ganzen Anlage bemerken, welche dann gleichwohl nichts an der „Naturgegebenheit“ der Schwerkraft und der Fallhöhen ändert, an der Praktikabilität bzw. der Ausweglosigkeit bestimmter Konstellationen in dieser Inneneinrichtung einer Welt.

Das mit der Identitätspolitik

Welche Welt? – Das liberale, wohlhabende New Yorker Bürgertum anno ca. heute; Leute, die ein oberflächliches meritokratisches Ethos vor sich hertragen, da es für sie den Anschein hat, als hätte das Versprechen gehalten, dass es im Kapitalismus nicht (nur) auf die Herkunft ankäme, wenn man es zu was bringen will; harte Arbeit und Brillanz würden belohnt. Natürlich offenbart sich dieses Ethos im Lauf des Stücks als Oberflächenphänomen, natürlich brodeln schon knapp darunter die Identitätspolitiken, die gegenseitigen Zuschreibungen, und natürlich reicht auch nur der leiseste Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse, um die Oberfläche zum Zerbrechen zu bringen. Die Gruppe, die an sich dieses Zerstörungswerk im Lauf des Stücks vollzieht, und das Setup, das den Hauptteil ausmacht, ist von archetypischer Wucht (was negativ gewendet bedeutet, dass es wenig überraschend ist): Unser Protagonist Amir, der säkularisierte Exmuslim, unter Mühen seiner Herkunft entronnen, Anwalt vor dem ganz großen Karrieresprung; seine Frau, Künstlerin, mit der Formensprache „islamischer Kunst“ beschäftigt, white anglo saxon protestant liberal; ihr Kurator und Kurzzeit-Geliebter, Jude; seine Frau, schwarz, ebenfalls Anwältin, in der selben Kanzlei wie Amir.

 

Dann gibt es noch als fünfte Figur Amirs Cousin (oder war‘s ein anderer Verwandtschaftsgrad?), Stichwortgeber für den Vergleich von Amirs Zustand vor und nach der Dinnerparty, bei der den Figuren ihre Identitäten um die Ohren fliegen, außerdem sozusagen zuständig, die soziale Wirklichkeit der Marginalisierten und tatsächlich Geächteten von der Straße in die Appartements der zwei (anfangs) befreundeten Bürgerpärchen zu tragen. Am Vergleich zwischen Abe und Amir lässt sich damit eines der beiden großen Probleme festmachen, die dieser ansonsten tatsächlich sehr gelungenen Aufführung anhaften:

Das mit der Fallhöhe

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derstandard.at: Nach der doch reichlich konventionellen Erstaufführung von Geächtet an der Wiener Burg reicht Graz jetzt den klügeren, formal zugespitzten Kommentar nach.

Es will mir nicht gelingen, mich mit diesem Protagonisten in der vom Stück offenbar intendierten Weise zu identifizieren und mit ihm mit zu leiden, wenn er im Lauf der Handlung „alles verliert“ und das grausame Werkel des well-made plays sich an ihm vollzieht. Ich habe nämlich die ganze Zeit präsent, dass dieser Kerl sogar am Ende seines ach-so-tiefen Falls noch immer mehr Geld auf dem Konto hat, als ich in zwanzig Jahren verdienen werde. Ich verstehe schlicht das Problem nicht. Gut, am Schluss ist seine Ehe beim Teufel und er hat erkennen müssen, dass ihn seine Hautfarbe und seine Herkunft ewig zum „Anderen“, zum potentiellen Barbaren stempeln, der zwar unter Vorbehalt mitspielen darf, der sich aber keinen Fehltritt erlauben darf. Das ist alles zugegeben traurig.

Aber mit dem Geld, das er laut Dialog im ersten Akt vor den Ereignissen in „Geächtet“ monatlich verdient hat, kann er sich nun irgendwo in einer günstigeren Gegend der Staaten zur Ruhe setzen, ohne für den Rest seines Lebens ernstlich arbeiten gehen zu müssen. Kein Mitleid von mir. 

Das mit den Juden

Das zweite Problem von „Geächtet“ ist, dass es, obwohl es ein überaus reflektiertes Stück Theater darstellt, in dem die kulturellen Wurzeln von z.B. antisemitischen Verschwörungstheorien mit-gedacht werden, antisemitisch gelesen werden kann. Nicht muss, wohlgemerkt, aber kann - von einer möglichen Warte zusammengefasst, geht es in „Geächtet“ darum, wie (a) jüdische Anwälte in unserem Helden bloß den Moslem sehen, wie (b) ein jüdischer Kurator die Vermarktung einer entkernten „islamischen Bildsprache“ betreibt (also: kosmopolitische Beliebigkeit usw.), wie derselbe Jude zumindest in der Grazer Inszenierung (c) die Ehefrau des Protagonisten bedrängt usw. usf. … Freilich, aus einer anderen Warte geht es just um den Antisemitismus der muslimischen Welt; und aus einer dritten Warte hauptsächlich um die Ahnungslosigkeit von liberalen, wohlhabenden „Weißen“, die glauben, dass sie aus dem Schneider wären, wenn sie sich je nach Situation „farbenblind stellen“.

 

„Geächtet“ ist, als Leistung eines Ensembles betrachtet, ganz hervorragend, to the point und angemessen schmerzhaft. Als Stück Text bietet es sich den Anlass für einen ganzen Haufen unterschiedlicher, nötiger Diskussionen über Ethik und (Identitäts)Politiken. Freilich auch als Anlass einer Diskussion darüber, ob „realistisch geschriebene“ und doch zugleich geradezu aristotelisch konstruierte well-made plays wie dieses hier wirklich das richtige Medium für polit-ethische Betrachtungen sind; bzw. für überhaupt irgendetwas außer für das je tagesaktuelle Update der Selbstverständigung des wohlhabenderen Bürgertums.

Bilder: ©  Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Stefan Schmitzer

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