Niemand hat mich gerufen - von Martin KruscheZurück

....Damit meine ich, jene Personenkreise, die klare Ansprüche auf die zukünftige Nutzung des Grazer Künstlerhauses stellen, repräsentieren teilweise jedes dieser drei Genres...

Was brachte uns eigentlich auf die deprimierende Idee, mit dem Begriff „Kulturpolitik“ bloß das zu meinen, worüber politische Mandatare, also Kulturreferentinnen und Kulturbeauftragte, verfügen? Wir sind eben Kinder dieses Landes und dieser Verhältnisse. Trotz manch rebellischer Attitüde kommt unterm Strich gerne Altvertrautes, mehrfach Verdautes heraus.

Kleine Kontroversen um die Zukunft des Grazer „Künstlerhauses“ sind zu einem Anlassfall geworden, ein wenig abzuklopfen, was denn der Status quo steirischer Kulturpolitik sei. Was daran am stärksten auffällt, ist die kuriose Tatsache, dass ein Gros der sachkundigen Leute, die zur Sache etwas zu sagen haben, brav darauf wartet, vom Personal der „Krone“ und der „Kleinen Zeitung“ befragt zu werden.

Gepflegte Stille

Unabhängig davon gibt es neben dem lesenswerten „Einser-Papier“, das von einigen Leuten „Zur Lage der bildenden Kunst in Graz“ verfasst wurde, im Grunde nur ein paar Momente im „Freien Radio“, dafür so gut wie nichts auf diversen autonom geführten Websites etc. Das geht nun seit Monaten so, daran hat sich vorerst wenig geändert.

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Glossen, Lyrik, Belletristik, Essays, fein! Auch der „ausreißer“ scheint ein unverzichtbares Stück kultureller Öffentlichkeit zu sein, aber frei vom Thema Künstlerhaus und Implikationen.

Damit will ich sagen, dass dieses Milieu im Zugang zu öffentlichen Diskursen so gut wie ausschließlich auf traditionelle Medien und deren „Gatekeepers“ setzt, obwohl wir seit den 1990er-Jahren eine radikal neue Mediensituation haben; zumindest was die Hardware angeht. Wir könnten also, aber wir wollen anscheinend nicht bis kaum, dass es eine adäquate kulturelle Medienöffentlichkeit neben den etablierten Häusern gibt.

Immerhin handelt ein „call for papers – ausgabe #44“ im „ausreißer“ von der prinzipiellen Kritik an solchen Zuständen: „Festgefahrene Zu- und Einordnungen, zementieren – mit den Klischees, Gesellschaftsstrukturen, Lebenskonzepten und Ideologien – in den Köpfen auch Machtverhältnisse, massenmedialer Einheitsbrei schreibt diese Wort für Wort und Tat für Tat fest.“ Und wo stünden wir momentan ohne diesen „massenmedialen Einheitsbrei“? In der Stille. Weitgehend.

Bildungsbürgerliche Floskeln

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Quo vadis hin, quo vadis her, die vadierende Debatte würde offenbar in sich zusammenfallen, wäre da nicht ein buntes Floskel-Gerüst, auf dem sich so manche Empörung dahinschleppt.

Ich stoße mich allein schon an manchen Sprachregelungen, selbst wenn das dünkelhaft erscheinen mag. Dass nun eine zeitgemäße Debatte etwa unter so bildungsbürgerlicher Floskeln gestellt wird, wie sie zum Beispiel der Reihentitel „Kulturpolitik – quo vadis?“ konserviert, fördert meine Neigung zu Sodbrennen.

Da wird in der „Kleinen Zeitung“ zum Glück nicht bloß (aber auch) Phrasen-Stroh gedroschen. Ich war ganz vergnügt, als ich kürzlich sah, dass Margarethe Makovec und Anton Lederer es (am 21.1.12) zur Abwechslung einmal deutlich aussprachen. Es gehe um zeitgenössische Kunst. Es gehe um eine möglichst vorbildhafte Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Kunstformen.

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Margarethe Makovec und Anton Lederer stellen in ihrem Statement den Fokus deutlich ein.

Kunst, Leute. Kunst! Der Kulturbetrieb ist insgesamt ja mindestens in Landeszentrum Graz gut im Futter und lebhaft. Außerdem haben Grazer Instanzen der Öffentlichkeit keine Scheu, einmal mehr die Provinz zu plündern, wenn es etwa um die „Grazer des Jahres 2011“ geht. Ein kleines Rätsel bis zum nächsten Mal: Wie viele Nominierte zum „Grazer des Jahres 2011“ Kulturbereich stammen allein aus der Oststeiermark und genau NICHT aus Graz? (Davon später mehr.)

Unschärfe als Scharfmacher?

Aber die Kunst! Genauer, die Gegenwartskunst. Denn eine große Unschärfe dieser Debatte, zu der auch das Grazer Feuilleton beiträgt, liegt in der oft ziemlich diffusen Anwendung des Begriffs Kunst. Da wird in vielen Fällen keinerlei Wert auf Trennschärfe gelegt, die sich zwischen Gegenwartskunst, Voluntary Arts und ambitionierter Bastelei finden und daher darstellen ließe.

Genau diese Fragestellung ergibt aber in der aktuellen Debatte unsichtbare Frontstellungen. Damit meine ich, jene Personenkreise, die klare Ansprüche auf die zukünftige Nutzung des Grazer Künstlerhauses stellen, repräsentieren teilweise jedes dieser drei Genres, plus manche Mischformen. Aber das steht meist nicht zur Diskussion und wird großzügig unter dem Begriff „Kunst“ subsummiert.

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Richard Frankenberger bleibt hier der gängigen Legendenbildung treu und erwähnt im „uns“ ein „wir“, das es einfach nicht gibt.

Dazu kommen erhebliche Unschärfen bei der Klärung von Fragen wie: „Wer spricht da eigentlich?“ Künstler Richard Frankenberger hat das gerade (am 25.1.12) in der „Krone“ exemplarisch vorgeführt. Sein Beitrag besteht hauptsächlich aus Zitaten, die er mit einer kuriosen Schlussbemerkung abrundet. „Träumen wir weiter oder gelingt es ‚uns’ diesmal…?“

Immerhin stellt er das „uns“ unter Anführungszeichen. Es behauptet ein „Wir“, das es nicht gibt. „Die Szene“, „Die steirischen Künstler“, das sind Phantasmen. So ein „Wir“ ist allein schon aus sozialen Gründen reine Phantasie, weil die Praxis zeigt, dass zwischen den unterschiedlichen Status-Arten klare Trennlinien verlaufen.

Soziale Trennlinien

Kunstschaffende, die rein aus ihrer Kunstproduktion ein annehmbares Jahreseinkommen erwirtschaften, sind in Österreich die Ausnahme. Solche Leute können sie in vielen Genres mit der Lupe suchen. Ich hab es an anderer Stelle ausführlicher beschrieben, welche Lebenskonzepte da zu finden sind und wie wir uns eher beharrlich weigern, diese Antwortvielfalt zu Fragen der Existenzsicherung offen darzustellen.

Das hat ganz banale Konsequenzen. Wie oft hat mir Freelancer etwa ein Mittelschullehrer mit seinen rund fünftausend Euro brutto im Monat die Ohren vollgesudert, weil seine Existenz als Künstler allerhand Belastungen ausgesetzt ist? Welchen Schulterschluss würden mir Angestellte der FH oder vom Ortweinplatz bieten, um an der sozialen Lage der Kunstschaffenden in Österreich was weiterzubringen? Das sind alles bloß Träumereien.

Heinz Weyringer erwähnte am 17.1.12 in der „Kleinen Zeitung“: „Bei Kunstschaffenden sind internationale und regionale Netzwerke, Kooperationen und Informationsaustausch gefragt. Wer nicht über den Tellerrand schaut, hat bei schrumpfenden Kulturbudgets wenig Zukunft.“

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Heinz Weyringer erwähnt das Unpopuläre: Es sind beide Seiten gefordert, Neuorientierungen zu bewältigen. Daraus würde dann auch tatsächlich Kulturpolitik erwachsen, die ja nicht bloß Sache der Mandatare sein kann.

Na, das möchte ich doch in Gold einrahmen und über so manches Bett hängen. Anders ausgedrückt: Kann mir jemand ein paar konkrete Beispiele für Einlösung dieser simplen Anforderungen nennen? Ich wäre schon zufrieden, wenn sich eine Postkarte damit füllen ließe.

Gut, bevor ich selbst in die vorherrschende Jammerkultur einstimme, ein paar Vorschläge. Ich wünschte, wir kämen in die Lage, realistische Vorstellungen von der Vielfalt der Positionen und Lebensumstände unseres Metiers zu erwirken. Das Frankenberger’sche „Wir“ ist genauso leeres Gerede wie „Die Szene“ etc.

Praxis des Kontrastes

Wir sind, wie auch andere Branchen, eine Art leibhaftige „Praxis des Kontrastes“. Das bringt auch einander widersprechende Vorstellungen mit sich, was dem Gewicht eben dieser Vorstellungen keinen Abbruch tut. Genau so ist nämlich dieses Metier, was ihm bemerkenswerte Möglichkeiten einräumt. Antwortvielfalt schafft Weite. Wahrheiten treten hier nicht zutage, indem man Widersprüche eliminiert.

Dennoch sollten wir aktuell klären können, welche Fragen im Augenblick hohe Priorität haben und wie man zu ihrer Bearbeitung mit Leuten aus anderen Metiers in Augenhöhe kommt. Die wechselseitige Dämonisierung ist ein unsinniges Boulevardgeschäft. Ich will Wege finden, die mich zu Begegnungen auf Augenhöhe bringen; mit Leuten aus Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft, aber auch aus Politik und Verwaltung.

Als Künstler gehe ich nämlich gerne davon aus:

Niemand hat mich gerufen. Aber wir werden nun zu klären haben, warum ich da bin. Oder Ihr. Oder wer auch immer.

© Martin Krusche, Jahrgang 1956, freischaffender Künstler, Exponent von „kunst ost

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