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"Kaninchenloch White Cube"

Derzeit im Künstlerhaus Graz: Die gemeinsame Jahresausstellung der Berufsverbände der Bildenden Künstler in der Steiermark. Das notwendigerweise dicht gedrängte Nebeneinander ist dabei gar nicht so unproblematisch, und das gewählte Motto hilft nicht eben.
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Seit der Eröffnung am 29. November, und noch bis 26. Jänner, hängen mehrere hundert Bilder im Künstlerhaus, in engstmöglicher Salonhängung, Thema „Alice in Wonderland“ (warum auch nicht?). Zwar handelt es sich eigentlich schlicht um die traditionelle Jahresausstellung einer der in Graz ansässigen Künstlervereinigungen, aber so einfach ist das Organigramm dieses Mal nicht zu bekommen. Seine übersichtlichste Beschreibung finden wir, nach einigem Suchen, auf der Webseite der Sezession:

Künstlerbund Graz & Vereinigung Bildender Künstler Steiermark
Gäste: Berufsvereinigung der Bildenden Künstler Steiermark & Sezession Graz

Wir lesen es so und nehmen also staunend zur Kenntnis: Erstens, dass sich in der Vorbereitungsphase offenbar der Künstlerbund, die Vereinigung usw., die Berufsvereinigung usw., die Sezession und der Werkbund zusammengerauft haben müssen, gemeinsam auszustellen, und aber der Werkbund dabei irgendein Extrawürschtl wollte (er wird erst weiter unten im Programm erwähnt, als gesonderter Veranstalter eines eigenen Etwas ab 13.01.). Zweitens, dass solches Zusammenraufen offenbar selten genug ist, um eigens hervorgehoben zu werden (das sagt dann vielleicht irgendwas kultursoziologisch Interessantes über Graz, wer weiß). Schließlich drittens, dass wir uns als den kleinsten gemeinsamen Nenner der Mitglieder jener Verbände diese Ausstellung vorstellen müssen, bei deren Eröffnungsreden Worte wie „bunt“ und „lebensfroh“ mehrfach fallen konnten, ohne dass irgendjemand rot wurde.

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Klar ist das „bunt“, wenn man das Künstlerhaus bis unter die Deckenleiste mit Bildern vollknallt, die außer der „Alice“-Vorgabe nichts miteinander zu tun haben. Kann man schon machen: In einem White Cube, der älter ist als der Begriff „White Cube“, das fröhliche Nebeneinander der Bildsprachen, Kunstbegriffe und Ästhetiken abfeiern, als würden sie einander nicht ausschließen; mit auch noch einem Generalthema, bei dem eh alles irgendwie unterzubringen ist. Kann man schon machen. Ist halt, als ob man Tic Tac Toe auf einem Großrechner spielt.

Natürlich ist es den Berufsverbänden nicht übelzunehmen, dass sie, statt stringent zu kuratieren, eben allerbreitest die Arbeit ihrer Mitglieder abzubilden wünschen. Das ist ihr Job, und ihn haben sie mit dieser Ausstellung aufs jährlich Neue erfüllt. Es gibt für alle interessierten Grazer_innen tatsächlich die Möglichkeit, sich einen guten Überblick über die derzeitige Produktion der steirischen bildenden Künstler_innen zu verschaffen. Aber die Vielfalt (über 200 KünstlerInnen!) auf recht engem Raum bringt naturgemäß mit sich, dass auch die interessantere Kunst, die da hängt, völlig erschlagen wird von ihrer Nachbarschaft.

Bildende Kunst, die irgendwie auf Politik und Gesellschaft reagieren will, oder auch nur in Opposition zur Ästhetik irgendeiner anderen Kunst steht, „beweist“ die Wirkungslosigkeit selbst ihrer unwiderstehlichsten Konzepte genau dann, wenn sie neben fröhlichen Wohnzimmerbehübschungswerken zu hängen kommt, ohne, dass deswegen ein Loch im Erdboden sich auftut. In diesem Sinne sind Gruppenausstellungen wie diese derzeitige im Künstlerhaus ein Desavouieren der paar nach innen gerichtet konsequenten oder nach außen gerichtet kritischen Arbeiten, die da hängen.

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Beispielsweise jene drei oder vier Bilder und jene eine Keramikkiste (angebracht auf über dreieinhalb Metern Höhe), die explizit die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer thematisieren – alleine dadurch, dass sie in einem Raum hängen, der „Alice im Wunderland“ zum Motto hat, und umgeben sind von mehr oder weniger fröhlichen Iterationen zu Lewis Carrolls Märchen-slash-Logikrätselsammlung, reduzieren sie ihr Anliegen zu einer Frage der gelungenen Inneneinrichtung. Will sagen: Kunst, so präsentiert wie hier, verurteilt sich selbst dazu, tatsächlich nichts mehr zu sein als ein phantasievolles, lebendiges und buntes Einerlei.

Die Veranstaltungen, die im Lauf der nächsten eineinhalb Monate in diese Ausstellung eingebettet sind, scheinen den geschilderten Schwierigkeiten Rechnung tragen zu sollen, wie sie ein solches, notwendigerweise enges Nebeneinanderhängen von disparatem Material mit sich bringt. Es wäre ihnen deshalb, ebenso wie den vielen vielen Künstlerinnen und Künstlern der Ausstellung, die ja im Einzelnen wirklich nichts dafür können, reger Besuch zu wünschen:

01.12., 18:00, Podiumsdiskussion: „Gruppenausstellung – Bedeutung und Wirkung“

15.12., 18:00, Werkbesprechungen – Künstlerbund Graz

22.12., 18:00 – Lesung mit Riki Metz-Lerchental

12.01.,  18:00 – Eröffnung des Kunstvereins Werkbund

21.01., 11:00 – Matinee; 26.01., 19:00 – Szenische Lesung mit Martin Gierwinkel, Edith Mara und Curt Schnecker

Bilder von Alice im Wunderland

Stefan Schmitzer

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