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Intrigen im (Wein-)Keller

Martin Ohrts "Kohlbein und Schatz" im Theater im Keller funktioniert als Intrigen- und Rätselspiel …

… nicht so sehr dagegen als die Bearbeitung von Hendrik Ibsens "John Gabriel Borkman", die uns die Homepage des TiK zumindest auch ankündigt – es handelt sich bei "Kohlbein und Schatz" um eine Auftragsarbeit für die Reihe "Classiscs im Keller" – oder als Naturalismus in Ibsens Sinn. Aufbau und Sprache, die Martin Ohrt dem Stück zugrunde legt, sind dafür zu elliptisch, zu deutlich überformt, auch zu sichtlich verknappt und konzentriert – was alles für das Stück selber erst einmal nichts Schlechtes bedeutet.

Distanz und Übersteuerung

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Wo steht sie, die ‚Villa Kohlbein‘? Steht sie in Hartberg ...

Die Sprache, die Ohrt seine Figuren sprechen lässt, ist gerade nicht mehr "natürlich", sondern ist genau soweit künstlich, wie sie sein muss, dass sie ein paar surreale Artefakte, oder sagen wir, symbolisch aufgeladene "special effects" (er)trägt. Diese Effekte tragen denn auch zum runden Ablaufen des Stücks das ihre bei; betonen sanft das Maskenhafte, Aufgesetzte der Beteiligten des vorgeführten Familiensystems (die oft und oft wiederkehrende, stehende Wendung vom "guten" oder "edlen Tropfen" hinterlässt z.B. hauptsächlich den Eindruck, da wisse einer seinen Wein bloß als Statussymbol zu schätzen). Einzig die Entscheidung, die Figuren von Vergangenem durchgängig im Präteritum reden zu lassen, wo in tatsächlicher (eben "naturalistischer") Umgangssprache das Perfekt käme, erscheint zunächst bloß-so gestelzt … als wäre, was wir uns da ansehen, ein schlecht synchronisierter Hollywoodfilm "mit Anspruch", oder als würden wir Leuten dabei zusehen, sich Zeitungsmeldungen vorzulesen. Letzteres scheint allerdings auch intendiert zu sein: Schriftlichkeit wird evoziert, als dezenter, aber wirksamer Abstandhalter zwischen Publikum und Bühnenpersonal, ohne gleich den ganz großen Verfremdungshammer auszupacken.

 

Für mich sieht es übrigens ein Wenig so aus, als würde das Ensemble des TiK versuchen, diese schriftsprachliche Distanz zum Publikum durch besondere emphatische Intonation zu überwinden, was uns einen Eindruck leichter, aber konsistenter Übersteuerung beschert, der anhält und der zwar irgendwann nicht weiter auffällt – der aber auch nicht hätte sein müssen. Einiges weniger wäre weit mehr gewesen.

Intrigenkarussell

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… oder in Eggersdorf, …

Die Handlung der Vorlage ist reduziert auf ein leicht zu überblickendes Kammerspielformat: Zwei Paare aus einem kleinstädtischen Großbürgermilieu (oder: aus einem großbürgerlichen Kleinstadtmilieu); die "feinen Unterschiede" zwischen den beiden Herren (schlag nach bei Bourdieu) sind mit den beschriebenen sprachlichen Mitteln unaufdringlich herausgearbeitet; es gibt einen Preis, um den gekämpft werden wird (die "Villa Kohlbein"); es gibt mehr als eine unaufgearbeitete Affäre in der Vergangenheit dieser vier Figuren und es gibt dazugehörig asymmetrisch verteilte Informationen, mithin Gelegenheiten, einander sprichwörtliche "Hackeln" ins Kreuz zu werfen … bezeichnen wir diese Figuren als das, was sie sind: Vier intrigante G'frasta, die einander ruinieren und den Ruin aneinander verdient haben. Dass einer von ihnen am Schluss als "Sieger" dasteht, trübt diesen Eindruck kaum – wir können uns kaum vorstellen, dass dieser Sieg von Dauer sein wird.

 

Amüsant an "Kohlbein und Schatz" ist das Verfolgen der einzelnen Wendungen des Intrigenkarussells; das Rätselraten darüber, wer als Nächstes welches Ass aus seinem Ärmel ziehen wird, und in welcher Weise es sich dann doch bloß als ein vermeintliches solches herausstellen wird. (Ich lag beispielsweise jedes Mal, wenn ich dachte, ich wüsste nun, wie dieser Hase läuft, komplett falsch.) In diesem Zusammenhang leistet jedes Element genau, was es soll; hier erweisen sich Ohrts Text und das Ensemble als treffsicher.

Kapitalismuskritik nicht. Aber was dann?

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…steht sie in Köflach …

Weniger amüsant und weniger treffsicher erscheint dagegen der sozialkritische Gehalt des Stücks, oder, wie es wiederum der Programmtext im Internet sagt, "das Drama von Gier und Raffsucht der neoliberalen Gesellschaft". … (Wozu sich übrigens noch gesondert fragen ließe: Warum bloß der neoliberalen Gesellschaft?) So, wie Ohrts Stück abläuft, könnte es sich prinzipiell genauso gut im, sagen wir mal, Khanat von Kasan oder unter Rittersleuten, unter Ibsens Industriebaronen oder in der Nomenklatur eines realsozialistischen Staates, auf dem Mars des Jahres 2270 oder in der sizilianischen Mafia abspielen – von den Details der Intrige abgesehen, den aufgerufenen bzw. verkörperten Machtinstanzen, der Natur der Statussymbole, den beachteten Rechtsnormen … Worum es da geht, ist das notwendig unklare Verhältnis zwischen Regelwerk und persönlicher, unmittelbarer Macht; die Korrumpierbarkeit der Funktionsträger durch ihre familiären Bindungen – und umgekehrt, der Familienmitglieder durch ihre Funktionen. Was sich nun gerade anhand dieser Geschichte, die das TiK da auf die Bühne bringt, genau nicht kritisieren lässt, ist eine bestimmte Wirtschaftsordnung mit bestimmten, auf besondere Weise wirksamen Problemen. Der einzige Moment, wo es um spezifisch neoliberale Umstände geht – ein geschäftliches Luftschloss, erbaut im beschwipsten Zustand, bei dem die Möglichkeiten des Handels mit Kundendaten eine Rolle spielen – wird rasch als Selbstbetrug und/oder Blendwerk enttarnt.

 

Also: Kapitalismuskritik ist das eher nicht. Als Kritik am Prinzip Macht selbst dagegen – an der unkaputtbaren Institution "Familienoberhaupt", ob die jetzt so heißt, oder "Bürgermeister", oder "Häuptling" – funktioniert "Kohlbein und Schatz" sehr gut.

Wer war's in Wirklichkeit?

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…oder am Ende in Knittelfeld?

Es sei übrigens, so wurde mir hinterbracht, bei der Premiere ein bekannter Grazer Autor im Publikum gesessen, der habe an jenen Stellen, wo es um das Abzweigen von Steuergeldern in private Taschen und das Umleiten privater Schulden in die öffentlichen Bücher ging, lautstark gerufen, welche steirische Kleinstadt Ohrt da offensichtlich meinen müsse. Im späteren Gespräch über diese Anekdote fiel mir dann auf, wie jeder, aber auch jeder, mit dem man drüber redet, ein, zwei solcher Fälle kennt. Und das sollte uns als Nachweis für die letztendliche Relevanz von "Kohlbein und Schatz" dann mal reichen

Stefan Schmitzer

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Bildrechte für ‚Kohlbein und Schatz‘ von Martin Ohrts im Theater im Keller Graz - TiK

Bildnachweis 

Credit © Max Wegscheidler / TiK

Eigene Bilder (info-graz) aus dem (Wein-)Keller der Intrige und der Rätselspiele von Peter Purgar.

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