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Gewaltherrschaft und Grönemeyer | Redaktionsschluss | Sandy Lopicic im Schauspielhaus Graz

Die "Vorstellung mit Musik" von Sandy Lopicic, die am 12.01.2017 unter dem Titel "Redaktionsschluss!" im Schauspielhaus Graz Premiere hatte, ist eine Art szenische Musikrevue...

Redaktionsschluss!

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Redaktionsalltag in Redaktionsschluss!

.. mit Material von Bach bis Bowie, von Kreisler bis Grönemeyer, die sich um das Gegeneinander-und-Miteinander von Gewaltherrschaft und Medienpersonal dreht, von Überwachung und dem alltäglichen Lebensvollzug von Leuten. Das Programmheft beauskunftet uns, dass Lopicic die Idee zu dem Abend im März 2016 gekommen sei, angesichts der Nachricht, dass in Istanbul gegen die Übernahme der Tageszeitung "Zana" durch die Regierung demonstriert werde und dass es da Sitzblockaden gebe. Dementsprechend ist der Ausgangspunkt des Abends – und ist über weite Strecken der Handlungsanker der einzelnen Szenen, aus denen sich die Revue zusammensetzt – der Umgang des Medienpersonals mit Zwang und Zensur.

Bühnenhandwerk sitzt

Der Abend ist musikalisch und vom Bühnenhandwerk her untadelig. Insbesondere die Verwandlungen, denen Bühnenbild und Requisten zwischen den Szenen unterworfen sind, sitzen und überraschen; kein Timingfehler weit und breit; alles sitzt, passt und hat Luft; dass die ganze "Vorstellung mit Musik" im Zweifelsfall lieber zu dick als zu fein aufträgt, liegt in der Natur des Mediums und darf sein … außer vielleicht, dass uns die Kostümierung von Anfang an ein wenig überdeterminiert vorkommt – etwas zu deutlich einer etwas zu spezifischen Bildwelt verpflichtet (und damit einer etwas zu engen Sicht auf die Themen, denen sich der Abend so erfreulich frontal zuwendet) … Sagen wir zu dieser Bildwelt: Berlin bei Kästner, gelesen nach 1950 …

Schmerzhafte Szenen

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Ballett mit Überwachungskamera

Lopicićs Ensemble schreckt auch nicht davor zurück, sich und uns wehzutun, um drastisch klarzumachen, was "Gewaltherrschaft" alles bedeuten kann; diese Stellen von Folter und Verstümmelung sind naturgemäß die einprägsamsten des Abends. Zwischen ihnen und dem galligen Humor der unmittelbar unterhaltsameren Passagen gibt es ein Fließgleichgewicht, aber das wird nie so greifbar, dass wir vorhersagen könnten, was als nächstes geschieht. Alles dieses ist offensichtlich lobenswert und "Redaktionsschluss!" also unbedingt zu empfehlen. Aber.

Aber.

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Das Lied von der Moldau, gesungen von Folteropfern

Es gibt ein recht großes Aber. Wir können dieses "Aber" auf verschiedene Arten fassen. Eine davon wäre, über das allerletzte Lied (vor dem Medley, welches die Premierenzugabe bildete) und seine Begleitumstände zu reden: Grönemeyer, "Stück vom Himmel" … Dieses Lied, an dieser Stelle, als Schlusspunkt nach eineinhalb Stunden ernstlich kritischen, ungeschönten Musiktheaters über eine Wirklichkeit, welche wirklich aus den Fugen ist – es ist kitschig, es ist unpassend und es ist, wenn wir es ebenso ernst nehmen wollen wie das vorangegangene Programm, ekelerregend naiv.

 

Angesichts einer Welt, die uns Lopicic und sein Ensemble zuvor unwiderstehlich vor Augen geführt haben – einer Welt der stets unterlegenen und doch nie ganz ausrottbaren Vernunft, der Mobs, der Folteropfer, der Charaktermasken … in so einer Welt ausgerechnet Gott herbeizubeschwören, erscheint wie die völlige Kapitulation vor dem schlechterdings Bestehenden.  Der Eindruck wird noch verstärkt durch den Einfall, zum Ende des Programms hin einen riesigen Aufblasglobus von der Bühne ins Parkett zu werfen, um ihn vom Publikum zu den versöhnlichen Klängen von Grönemeyers halbkritischem Spiritualitätsweichspüler hin und her befördern zu lassen.

Partizipationsplazebo, Plastikglobus

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Als der Zirkus in Flammen stand, nach Kreisler

Der Aufblasglobus will an dieser Stelle sagen: "He, Ihr da im Publikum – Ihr wollt doch sicher was tun, damit die Welt weniger grauslich wird, als wie sie Euch gezeigt haben. Hier habt Ihr ein Partizipationsplazebo; mit dem könnt Ihr dann drüber meditieren, dass ihr es eh schon immer wart, die die Welt in der Hand halten." (Oder so ähnlich.) Tatsächlich aber sagt er statt dessen anderes. Entweder: "Wir dürfen eh mit dem uns eben gezeigten Zustand der Welt halbwegs einverstanden sein und immer so weitermachen mit der uns anvertrauten Welt (hier vertreten durch einen Plastikglobus), solange wir nur drauf vertrauen dürfen, dass er schon irgendeinen höheren Sinn (hier vertreten durch H. Grönemeyer) haben wird." Oder, was noch schlimmer wäre: "Wir haben Chaplins Hitlerfilm 'Der große Diktator' leider nicht gesehen, deswegen verstehen wir nicht, was für ein Bild wir gerade abgeben, wenn wir diese Spielzeug-Erdkugel herumspringen lassen. "

 

Wir können das "Aber", das sich in uns breitmacht, auch allgemeiner beschreiben: Was mit "Redaktionsschluss" vorliegt, ist ein redlicher Versuch, alles Nötige zu sagen über Zensur und freie Rede, Gewaltherrschaft und die Listen der Humanität gegen die Gewalt; ist ein Versuch, uns, wie eingangs gesagt, schonungslos darzutun, was "Gewaltherrschaft" für die ihr Unterworfenen bedeutet. Und soweit das die Perspektive der einzelnen Unterworfenen betrifft, lösen Lopicic und sein Ensemble diesen Anspruch ein. Aber in dem Moment, wo man sich das größere Ganze vergegenwärtigen möchte; wo man sich fragt, was uns die da oben jetzt eigentlich genau sagen möchten – da merken wir, dass dieses Programm weitgehend ohne Theorie auskommt; ohne eindeutige Positionsbestimmung, die über einen protoliberalen Antitotalitarismus hinausgehen würde …

 

… Opfer sind Opfer, Täter sind Täter, sagt uns das; die Machtmechanismen bleiben gleich, egal, was sich im Laufe der Geschichte an "Oberflächenphänomenen" wie Technik oder Ideologie ändert. Bloß: Das stimmt eben nicht. Wer das so sehen will, redet der prinzipiellen Unverstehbarkeit des Menschenschicksals, der Unveränderlichkeit der Verhältnisse das Wort. Sogar, wenn er ein Revue-Stück darüber macht, wie wenig erfreulich dieser Zustand ist.

Stefan Schmitzer

‚Redaktionsschluss!‘ einer Tageszeitung – Sandy Lopicic im Schauspielhaus Graz – Grönemeyer zu kitschig!

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‚Vorstellung mit Musik‘ von Sandy Lopicic - Titel ‚Redaktionsschluss!‘ im Schauspielhaus Graz - von Bach bis Bowie, von Kreisler bis Grönemeyer (kitschig)

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