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‚Spritzwein versus Koks‘ - Martin G. Wanko im TiK

Noch bis Ende April spielt das Theater im Keller eine rabiate Lustspielvariante von Martin G. Wanko auf Schillers "Verschwörung des Fiesco zu Genua".

Getreue Satire

Matthias Dielacher als Herzog Doria
Matthias Dielacher als Herzog Doria

Der Ankündigungstext zu diesem Stück gipfelt in zwei Versprechungen ans Publikum: Da steht zuerst "Schillerzertrümmerung", dann "Satire". Die zweitere Bezeichnung kommt eh zirka hin, aber bei der ersteren können wir froh sein, dass weder der Text noch das Ensemble den Anspruch erfüllen, den diese Werbung stellt: Autor Martin G. Wanko bleibt Schiller gerade dort treu, wo er aus dem originalen Trauer- ein Lustspiel macht; gerade als recht brutale Satire auf unsere zeitgenössische Republik bleibt die Aufführung dem republikanischen Geist von Schillers ursprünglichem Stück verbunden.

Aus Genua mach Wien

Alex Kropsch als 'Sebastian' Verrina
Alex Kropsch als ‚Sebastian' Verrina

Was gibt es zu sehen? – Das freie Genua ist aufgemascherlt als Fürstentum Vienna. Doge Andreas Doria kommt daher als Bürgermeister Häupl bzw. als Spritzwein-Spitzbub und Verkörperung aller der bekannten Sünden der Sozialdemokratie seit ca. 1980; sein Gegenspieler dementsprechend als HC Fiesco, zugekokster Narziss und möchtegern-Wiedergeburt Hansi "Falco" Hölzls. Aus Verrina (dem, sagen wir, Fraktionsführer der Republikaner Genuas) wird eine völlig vertrottelte Karikatur Sebastian Kurz', so zielgerichtet brutal wie seine beiden Mitbewerber, aber zu fein, sich selbst die Hände schmutzig zu machen, und deswegen für alle "Koalitionsvarianten" offen. Alex Kropsch, der diesen Verrina spielt, ist außerdem in einer Doppelrolle noch als jener "Mohr" zu sehen, über den wir das Zitat im Ohr haben, er habe seine Schuldigkeit getan und dürfe gehen; bei Wanko wird aus der Figur naheliegender Weise ein wandelndes Flüchtlingsklischee aus den Spalten der Kronenzeitung. Dann gibt es noch Leonora und Julia, die Ehefrauen der beiden Kontrahenten, beide dem HC Fiesco zugetan – bei Schiller ist nur die eine die Ehefrau, und die andere ist die Schwester des Dogen, was ein paar logische Ungereimtheiten in der Wanko-Fassung erklärt, in der die beiden sich verhalten wie völlig lobotomierte, aber lustige Flitscherln – und das war's. Keine Nebenfiguren, jede Szene ein Duell mit klarem Ausgang; erst Intrige und Gegenintrige, dann Publicity-Krieg, dann Mobilmachung zum Bürgerkrieg, dann abgesagter Bürgerkrieg, dann versehentlicher Tyrannenmord. Übrig bleiben Sebastian Verrina und Julia, Tyrannenwitwe.

Colour-coded for your convenience

Christian Krall als 'HC' Fiesco
Christian Krall als ‚HC Fiesco‘

Kostüme und Bühne sind dabei so knallbunt, wie das Stück aufs wesentlich Absurde verknappt und das Spiel des TiK-Ensembles in der gewohnten Weise konsequent übersteuert ist. Die Kostüme insbesondere sind, passenderweise, farblich codierte Karikaturen von Kleidungsstücken, mit denen diese jeweiligen Typen sich gerade noch tatsächlich auf die Straße trauen würden: Die schreiend grellen Anzüge der beiden streitenden "Fürsten", die dazu abgestimmten Kostümchen der Damen, dann das "exotische" Batik-Sakko, in dem der "Mohr" herumläuft wie ein zwangsexotischer Barmann in der VIP-Lounge beim Wörthersee-Clubbing (oder so ähnlich), und schließlich der Seekadetten-Jungdodel-Anzug von Sebastian "Verrina" Kurz. Dem entspricht ein Bühnenbild aus vielen, engen, und verschieden engen Räumen; sowie der Tic des "Don Fiasko", zu falcoesker Gelfrisur-Musik über die Bühne zu hampeln und zu rappen, um sich Mut zu machen. Subtiler muss ein Stück über den Aufstieg eines vorsätzlich deppert gebliebenen Charismators und Frauenbeglückers nicht sein. Muss wirklich nicht. Der persiflierte Zustand ist klar erkennbar, der Abstand zu ihm gerade so weit, dass man wieder drüber lachen kann. Passt schon.

Ganz Wien storniert den Wein

'Der Mohr (Alex Kropsch) hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr darf gehen.'
‚Der Mohr (Alex Kropsch) hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr darf gehen'

Komplexere politische Erkenntnisse als jenes, dass unzurechnungsfähige Politiker von Übel sind, sollte man sich indessen von "Schiller – Ein Lustspiel" nicht erwarten. Der zentrale Einfall ist es, das heutige Österreich, oder zumindest die paar Korridore, die wir zu sehen bekommen, gespenstisch heimgesucht sein zu lassen von den Geistern oder zumindest von der Ästhetik jenes historischen Wien, in dem sich Falco und der mitteljunge Ambros tummelten und dabei viel zu breite Schulterpolster trugen. Die Fraktionen, denen Doria und Fiesco vorstehen, sind weniger Rot und Blau, oder Fürstentum und Republik, oder Repräsentation und Plebiszit, sondern sind eher nur: Spritzwein und Kokain. Das kann man so machen, und wenn man es konsequent durchzieht (was auch bedeutet: wenn man im Spiel leicht zwischen den Bewusstseinszuständen wechseln kann) wird's auch lustig.

Dünner Häupl, Blackface, Faschingsohr

Katrin Ebner und Laura Koch als Leonora und Julia. Zitat ca.: ‚Aber so deppert sind wir doch nicht.' – ‚Beim Schiller schon.'
Katrin Ebner und Laura Koch als Leonora und Julia. Zitat ca.: ‚Aber so deppert sind wir doch nicht.' – ‚Beim Schiller schon.'

Ein paar Entscheidungen des Ensembles sind meiner Meinung nach zu kritisieren. Erstens: Ein Wiener Bürgermeister, gerade in einem Lustspiel, in dem es um solcherlei geht, muss entweder dick sein, oder muss doch mindestens so wirken, als hätte er das eisernste Sitzfleisch von allen, ja, als wäre dieses Sitzfleisch seine Machtgrundlage. Matthias Dielacher ist, um dieses rüberzubringen, in natura einfach zu dünn. Dass man es verabsäumt hat, ihm zum Beispiel einen simplen Polster unters Hemd zu stopfen oder unter den Hosenboden zu schnallen, ist umso unverständlicher, als ähnlich naheliegende Slapstick-Methoden durchaus angewendet wurden, als es darum ging, Alex Kropschs Verwandlungen vom "Mohren" zu Verrina und zurück zu bewerkstelligen: Mit einer schwarzen Netzstrumpfhose im Gesicht als "Mohr", mit Faschings-Riesen-Ohren als Don Sebastian … beides, wie uns klar ist, Bühnenlösungen hart an der Grenze zum Unguten, zum Machhaberhumor; aber zumindest wird die ganze "Blackface"-Problematik explizit mitgedacht und kommt zur Sprache, deswegen lassen wir's dabei bewenden.

 

"Schiller – ein Lustspiel" ist bunt, übersteuert und ein bisschen gar sehr direkt im Ansteuern seiner Pointen … die gehen dann aber auch meistens auf. Kann man schon lassen.

 

Stefan Schmitzer

Bildrechte

Das Theater im Keller Graz (Tik) spielt eine rabiate Lustspielvariante von Martin G. Wanko.  Friedrich Schiller Verschwörung des Fiesco zu Genua". Stefan findet dafür den Titel Spritzwein versus Koks".

Alle Bilder: © Peter Purgar / info-graz.at

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